Der VSSPS initiiert und führ eigene wissenschaftliche Arbeiten aus. Der Schwerpunkt liegt insbesondere darauf, die spezifische Innensicht und Erfahrungen von Betroffenen zu berücksichtigen.
Interessierte an wissenschaftlichen Fragestellungen und Arbeiten laden wir herzlich zur Mitarbeit ein.
Ein Projekt des Netzwerk-Selbsthilfe-Soziale Phobie und des VSSPS
Von November 2005 bis Februar 2009 lief auf den Seiten des Netzwerk-Selbsthilfe-Soziale Phobie ein Fragebogen für Menschen mit Sozialen Ängsten. Es haben sich fast 1000 Betroffene daran beteiligt.
Ergebnisse eines
Fragebogen zu Sozialen Ängsten 
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200 Fragen und Antworten von Betroffenen für Betroffene
Daten sammeln über 2 Jahre
Seit November 2005 wird auf den Internet-Seiten des Netzwerk-Selbsthilfe–Sozialphobie ein umfangreicher Fragebogen zum Bereich Sozialer Ängste / Sozialphobie angeboten.
Erstellt wurde er von Betroffenen für Betroffene, was der Eigenhilfe-Konzeption des Netzwerks entspricht.
Es geht uns darum, Denkanstöße zu liefern und Motivation zu weiterführender Diskussion und Untersuchung. Besonders wichtig ist uns die Berücksichtigung der speziellen Betroffenen-Sichtweise auch in den Fragestellungen.
Hier ist Raum für eine auszugsweise und zusammenfassend - interpretierende Darstellung.
Wer beteiligte sich?
600 Teilnehmer (309 Frauen und 291 Männer) füllten von Nov. 2005 bis Dez. 2007 den Fragebogen aus.
Alle geben Symptome Sozialer Ängste an, 197 eine entsprechende Diagnose durch einen Therapeuten. Der Altersdurchschnitt liegt bei 28 Jahren (14 - 59).
Es ist anzunehmen, dass die Mehrheit „zufällig“ auf das Angebot dieses Fragebogens gestoßen ist, auf einer Internet-Suche nach Informationen zum Thema Soziale Ängste.
Die Geburtsmonate der Teilnehmer sind ungleich verteilt.
In Diagramm (1) erkennbar ist eine deutliche Häufigkeitsschwankung der genannten Geburtsmonate mit einem Maximum in der ersten Jahreshälfte, Spitzenwert im April und einem Minimum in der zweiten Jahreshälfte, Tiefpunkt August. Der statistische Mittelwert liegt bei 8,3% Teilnehmer je Monat.

Diagramm 1
Monatliche Schwankungen der allg. Geburtenrate in der BRD wurden korrigierend berücksichtigt und begründen somit die festgestellte Ungleichverteilung nicht.
Sind in der 2. Jahreshälfte Geborene im Durchschnitt weniger für Soziale Ängste erreichbar? Und wodurch wäre dies erklärbar?
Wann beginnt die Phobie bei Männern und Frauen?
Das Diagramm (2) zeigt drei Häufungen:
- im Kindergarten-/ frühen Grundschulalter mit 5-6
Jahren. (Mädchen etwas früher als Jungen)
- in der Pubertät (12-16 Lebensjahr) und
- um das 20. Lebensjahr (Lj.) herum. Männer und Frauen zeigen versetzte Maxima.

Diagramm 2
Auf den späteren Verlauf scheint der unterschiedliche Zeitpunkt des Beginns der Sozialphobie keinen Einfluss zu haben, weder in puncto Intensität, noch in der Art der Symptom-Ausprägung.
Die typische Symptomatik
Von den für Soziale Phobie charakteristischen Symptomen werden genannt:
„Vermeiden angstauslösender Situationen“ (90%),
„Ängstlichkeit“ (80%),
„Versagensängste“ (80%),
„Schwitzen“ (55%),
„Erröten“ (53%),
„Zittern“ (48%),
„Panik“ (38%),
„Übelkeit“ (29%),
„Schwindel“ (28%),
„Albträume“ (28%).
In der Öffentlichkeit fallen Betroffenen folgende Situationen besonders schwer, sind deutlich angstbesetzt oder werden möglichst vermieden:
- „Sprechen“ (80%)
- „Essen“ (40%),
- „Trinken“ (22%),
- „Schreiben“ (22%).
- „Benutzung öffentlicher Toiletten“ ist v.a. für Männer ein Problem (35%), aber auch für fast 20% der Frauen.
Wann beginnen Diagnose und Therapie?
Der Zeitraum zwischen dem Auftreten erster sozialphobischer Symptome - nach Selbsteinschätzung - und einer Diagnosestellung „Soziale Phobie“ durch einen Therapeuten variiert von einigen Monaten bis 45 Jahre und liegt im Mittel bei 11 Jahren (!).

Diagramm 3
Auffällig ist, dass bei den jüngeren Befragten der Anteil der „Diagnostizierten“ nicht höher, sondern sogar relativ geringer ist – Diagramm (3). Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass das Zeitintervall zwischen erstem Auftreten von Symptomen und einer Diagnosestellung auch bei jüngeren Betroffenen im Mittel mehrere Jahre einschließt.
Begleitende „Problemfelder“
Gefragt wurde nach zusätzlichem Auftreten von Belastungen durch „Depressionen“, „Agoraphobie“, „Panikattacken“, „Zwänge“ und „Essstörungen“. Es ergibt sich folgendes Bild:
- 82% „Depressionen“
- 50% „Panikattacken“
- 50% „Zwänge“
- 37% „Essstörungen“ Frauen (43%)/Männer (33%)
- 27% „Agoraphobie“
Ausdrücklich sehr-eingeschränkt fühlen sich über 94% durch Sozialphobie, 38% durch „Depressionen“ und 20% durch „Zwangsgedanken“.
Kindheit, Eltern, Famlienklima
Auffallend: 34 % der Mütter und 17% der Väter wurden als „zu Depressionen neigend“ erlebt.
20% der Befragten bezeichnen Mutter oder Vater als „sozialphobisch belastet“.
Die Symptomachse „Angst–Depresssion“ findet sich also ausgeprägt sowohl bei den Betroffenen selbst, als auch in der Elterngeneration wieder.

Diagramm 4
35% geben eine insgesamt positive Kindheit an - Diagramm (4). Bei weiteren 20% fügen sich positive Aspekte zu Belastendem. 50% erinnern ihre Kindheit mehr oder minder ausgeprägt negativ.
Auffällig: Die Gruppe der Teilnehmer, welche ihre Kindheit als „liebevoll“ bezeichnen (ca. 24%) nennt eine geringere Anzahl für soziale Phobie typische „Symptome“ und deutlich seltener begleitende „Depressionen“.
Religiöse Erziehung
Die durch religiöse Erziehung ausgelösten Empfindungen sind überwiegend kritisch – tendenziell belastend. Häufige Nennungen sind „Zwiespalt“ (27%), „Schuldgefühle“ (20%), „Ablehnung“ (19%) und „Scham“ (13%). Dagegen finden sich „Rückhalt“, „Stabilität“ und „Liebe“ unter 10%.
soziale Kontakte, Partnerschaft
Der nähere Freundeskreis beträgt bei den meisten 2-5 Personen. 11% haben hier eine 0 eingetragen. „Menschen zum offenen und vertrauensvollen Reden“ haben die meisten 2– 3 Personen. 20% geben hier 0 an. In diesem Punkte bildet sich deutlich die Isolations-Tendenz Sozialer Ängste ab.
Auswirkungen der sozialen Ängste in gesellschaftlichen Gruppensituationen

Diagramm 5
Die Gruppenerfahrungen in der Öffentlichkeit werden vom Kindergarten über Grundschule zur weiterführenden Schule zunehmend negativer beurteilt – Diagramm (5). Hier wäre der Vergleich mit der Gesamtbevölkerung interessant.
Soziale Ängste beeinflussen die schulischen Leistungen, die berufliche Entwicklung und die berufliche Belastbarkeit. Am deutlichsten wird dieser Zusammenhang zwischen Sozialphobie und Selbstwertgefühl für den Bereich Arbeit und Beruf angegeben.
Die noch am ehesten akzeptierte Personenanzahl ist für 70% der Teilnehmer bis zu 3 Personen, ein kleinerer Teil nennt 4-5 Personen.
Psychotherapie
Von den Frauen haben ca. 51% Therapieerfahrung, Männer zu 40%. Von diesen wählten die meisten eine Verhaltenstherapie (Frauen 31%, Männer 24%), an zweiter Stelle wurde eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie aufgesucht.
Die ambulanten Therapien dauerten methodenunabhängig durchschnittlich etwa 12 Monate. Erfahrung mit stationären Therapien geben 14% an, diese dauerten im Mittel 3,5 Monate.

Tabelle 1: Therapieerfahrungen mit und Bewertung der Wirksamkeit verschiedener Therapieformen
Bei den Männern fällt die Bewertung der Therapie (nach Schulnotensystem) insgesamt etwas negativer aus als bei den Frauen – Tabelle (1). Die Verhaltenstherapie ist die häufigste gewählte Therapieform, schneidet aber in der Wirksamkeitsbewertung gleichrangig mit den anderen Verfahren ab. Berücksichtigt wurden nur Teilnehmer/innen mit einer Therapeuten-Diagnose „Sozialphobie“.
Körper, Sexualität, Partnerschaft
Ein Schwerpunkt der Fragen bezog sich auf den Bereich „Körper/Sexualität“. Die Anonymität des Internet mag hier die Antwort-Bereitschaft positiv gefördert haben.
Die abgefragten Bereiche sind: „Sportliche Aktivität“, „Entspannungstechniken“, „Körperempfindung“, „Körperkontakt“, „Pubertät“, „Sexualität“ und „Geschlechter – Rollenidentität“. Hier eine Auswahl wichtiger Ergebnisse:
Berührungsempfinden im Kindesalter

Diagramm 6
Etwa ein Drittel der Teilnehmer erinnern Berührungen früher Bezugspersonen als negativ – Diagramm (6).
Der Körperkontakt zur Mutter wird mit 2,9, der zum Vater mit 3,7 „benotet“ (1 = sehr angenehm; 5 = sehr unangenehm).
Als Erwachsene fühlen sich 31% in ihrem Körper gut und wohl, 18% antworten „neutral“ und 51% fühlen sich „unwohl“ bis „sehr unwohl“.
Sexualität u. Partnerschaft
Gefragt nach dem heutigen Umgang mit Sexualität,
antworten nur 25% der Befragten positiv. Diagramm (7).
Einer der wenigen Antwortunterschiede zwischen Frauen und Männer ergibt sich in puncto Partnerschaften:
27% der Frauen, aber 45% der Männer geben die Antwort „kein Partner“.

Diagramm 7
Dort aber, wo Sexualität er-/gelebt wird, wird diese von einer Mehrheit als eher positiv empfunden. Ein Hinweis darauf, dass in erster Linie ein Mangel an sexuellen Erfahrungen vorliegt.
Wir haben danach gefragt, ob die Befragten einen Zusammenhang sehen zwischen eigener (Un-)Sicherheit beim Thema Körper/Sexualität und ihren sozialphobischen Ängsten und Vermeidungstendenzen. Eine eindeutige Mehrheit bei Frauen und Männern haben diese Frage bejaht- Diagramm (8).

Diagramm 8
Die Schulsportnote: gut - oder schlecht?
Die Durchschnittsnote der Studienteilnehmer im Schulfach Sport entspricht der der Bevölkerung, soweit vergleichbar, ebenso die Art und Intensität jetziger sportlicher Betätigung.
Wir haben nun statistisch zwei Gruppen gebildet und miteinander verglichen und die Gruppe mit einer guten Sportnote (Note 1-2) der Gruppe mit schlechter Sportnote (4 und schlechter) gegenüber gestellt.
Mit guter Schulsportnote: Die „Ängste in der Öffentlichkeit“ sind geringer ausgeprägt, die Diagnose „Sozialphobie“ wurde seltener gestellt (32% statt 39%). Körperliche Attraktivität wird überdurchschnittlich häufig als eine positive persönliche Eigenschaft hervorgehoben. Desweiteren: Nur in dieser Gruppe erscheint eine Mannschafts-Sportart attraktiv (Fußball). Sportliche Betätigung wird als „angstlösend“ und „entlastend“ empfunden. Sowohl die Pubertät, als auch Sexualität werden eindeutig positiver und als weniger problembelastet bewertet. Auffällig auch: Männer mit guten Sportnoten geben 30% mehr Partnerschaften an. (Bei den Frauen kein Unterschied).
Betrachtet man nun die Gruppe mit schlechter Schulsportnote (Note 4-6) so haben im Vergleich doppelt so viele Männer Probleme mit öffentlichen Toiletten, ist die Diagnosestellung „Sozialphobie“ zu 39% gestellt (statt 32%). Sport, Pubertät und sexuelle Erfahrungen werden sichtlich negativer beurteilt.
Es sehen sich doppelt so viele Teilnehmer/innen durch Essstörungen „erheblich eingeschränkt“. Nur 23% erleben sich in ihrem Körper als „natürlich“ (Vergleichsgruppe 37%). Nahezu doppelt so viele schätzen sich als „unattraktiv“ ein. Als Ursachen der Sozialphobie nennen diese Betroffenen häufiger, sie seien „zu sensibel“ und „zu leistungsorientiert“. Im Gegensatz hierzu orten Gut-Sport-Benotete die Ursache tendenziell mehr in einer „Traumatisierung“.
Was ergibt sich hieraus? Selbstverständlich ist nicht ableitbar, dass die Schulsport-Note ursächlich (schuld) ist an allen weiteren Entwicklungs- und Ausprägungsschritten Sozialer Angst.
Es werden aber Verbindungen deutlich zwischen einem körperlichen Leistungs-Geschehen (Sport) aus Schülersicht, dem körperlichem Wohlbefinden und auch einem inneren Bewusstsein von Attraktivität, Freude an Sport und Bewegung. Dieses Bewusstsein wirkt sich (später) sichtbar aus auf die Bereiche Sexualität, Geschlechtsidentität und ganz wichtig wohl auch auf die Fähigkeit, Bindungen und Partnerschaften einzugehen.
Die Selbsteinschätzung des eigenen Körpers als positiv – wohlfühlend - attraktiv (zumindest nicht als unattraktiv) korreliert hochgradig mit einer gehobenen Schulsportnote. Das „OK“ zum eigenen Körper und eine gute Sportnote können sich durchaus gegenseitig bedingen. Dieser „positive Körper-Faktor“ scheint sowohl für die pubertäre Entwicklung als auch für die Bereiche Sexualität und Partnerschaft sehr prägend zu sein im Problemfeld Sozialer Ängstlichkeit.
Die Selbsthilfegruppe
84 % der Teilnehmer erklären, grundsätzlich an einer Selbsthilfegruppen-Teilnahme interessiert zu sein. „Kein Mut“ wird als Haupthindernisgrund angegeben, den Schritt in eine Gruppe zu tun, gefolgt von der „Scheu, sich zu outen“. Ein Drittel beklagt, in der Nähe keine Gruppe erreichen zu können.
10% der Befragten haben eigene Erfahrungen mit einer Sozialphobie-Selbsthilfegruppe. Befürchtungen vor „wachsender Isolation“ und ein situativ besonders schlechtes Befinden werden als vorrangige Motive angegeben, den Schritt in die Gruppe zu geschafft zu haben.
Zum Zeitpunkt der Befragung waren die Teilnehmer durchschnittlich 11 Monate lang in einer Selbsthilfe-Gruppe. Von diesen bevorzugen 4% der Frauen und 17% der Männer eine gleichgeschlechtliche Gruppe. Monatliche Treffen haben 70%, wöchentliche 30%. Der Altersdurchschnitt in den jeweiligen Selbsthilfegruppen liegt bei 32 Jahren.
Sogenannte „innere Leitungsstrukturen“ und „orientierende Regeln“ bejahen Männer und Frauen gleichermaßen zu ca. 80% und geben sie als in ihrer Gruppe vorhanden an.
Bemerkenswert: 81% der befragten Frauen mit Selbsthilfegruppenerfahrung wünschen sich eine Gruppen-Supervision, aber nur 32% der Männer. Knapp 8% der Selbsthilfe-Gruppen haben eine Supervision.
Was bewirkt die Gruppenteilnahme?
Für 9 Kriterien wurde um eine Benotung (Schulnotensystem) gebeten. Männer und Frauen unterscheiden sich nicht wesentlich in ihrer Bewertung.

Diagramm 9
Erfahrungs–, Informations- und Selbstwert-Zugewinn werden vorrangig bejaht – Diagramm (9).

Diagramm 10
Das Diagramm (10) erfasst insbesondere Kriterien und Werte, die im sozialen Miteinander wichtig sind. Frauen und Männer zeigen hier leichte Bewertungsunterschiede in einem insgesamt positiven Feld.

Diagramm 11
Der Erfahrungsaustausch hat bei Frauen und Männern gleichermaßen Priorität bei der Selbsthilfegruppen-Aktivität (89%), das Rollenspiel nur zu 20% - Diagramm (11).
Wir haben nun statistisch zwei Gruppen gebildet und sind der Frage nachgegangen, ob sich die Selbsthilfe– Gruppen- Erfahrenen von den Übrigen unterscheiden.
Aufgefallen ist ein hoher Therapieanteil: Über 95% der Gruppenteilnehmer haben Einzel-Psychotherapie-Erfahrungen (sonst 50%), Gruppen-Psychotherapie zu 45% (sonst 25%).
Kindheit und Pubertät beurteilen die Gruppenteilnehmer als belasteter.
Die männlichen Selbsthilfe-Gruppenteilnehmer fühlen sich wohler und „attraktiver“ in ihrem Körper. Sie sehen häufiger Wert- und Sinnbezüge im Erleben und Bewältigen der Angststrukturen.
Und: Die Männer benennen zwar gleich häufig relevante „Schwächen“ wie „Unsicherheit“, „Unattraktivität“, geben aber auf der anderen Seite deutlich mehr „Stärken“ in der Selbsteinschätzung an.
Hingegen entsprechen die weiblichen Teilnehmer in ihrer „Stärken-Selbsteinschätzung“ dem weiblichen Gesamtdurchschnitt.
Resümee
Ein sehr langer Weg bis zur Therapie
Durch Aneinanderreihung statistischer Werte lässt sich ein „Durchschnitts-Betroffener“ errechnen:
Erste Symptome Sozialer Angst treten mit 13,5 Jahren auf, der Beginn einer Sozialen Phobie wird selbst auf das 15. Lebensjahr (Lj.) im Rückblick datiert. Im 25. Lj. bestätigt ein Therapeut diese Diagnose, und der Beitritt zu einer Selbsthilfegruppe findet um das 31. Lj. statt. Dies ist ein klarer Hinweis auf einen sehr, sehr langen Belastungs- und auch Leidensweg, bis therapeutische und selbst-therapeutische Hilfe einsetzt. Auch für die jüngeren Betroffenen scheint sich diese Situation noch nicht verbessert zu haben in den letzten Jahren. Dies ist besonders problematisch, wenn man die nicht zwangsläufige aber doch häufige Verschlechterungs- und Generalisierungstendenz unbehandelter Sozialer Ängste bedenkt.
Der meist frühe Beginn sozialphobischer Tendenzen und Symptome in Kindheit und Pubertät verweist neben anderem auf die Bedeutung des Klimas im Elternhaus und in der Schule.
Körperempfinden und Selbstwert
Die Rückmeldungen aus dem Bereich Körper/ Sexualität unterstreichen die Bedeutung von körperlichem Wohlbefinden und einer positiven Bewertung der eigenen körperlichen Ausstrahlung und Attraktivität gerade bei Menschen mit Sozialen Ängsten. Eine negative körperbezogene Grundhaltung wirkt sich entsprechend deutlich auf die Lebensbereiche Sport, Sexualität und vor allem Partnerschaft von Betroffenen aus. Häufig schambesetzt ist dieser Bereich als „Thema“ trotz seiner zentralen Bedeutung in der Psychotherapie und auch in der Gruppen-Selbsthilfe allerdings nicht leicht fokussierbar.
Der Wirkansatz einer Selbsthilfegruppe
Die Teilnahme an einer Gruppen-Selbsthilfe schließt sich einer Diagnosestellung und psychotherapeutischen Behandlung oft nachfolgend oder begleitend an. Informations- und Erfahrungsaustausch stehen an erster Stelle der angegebenen Zugewinne in Verbindung mit einer Steigerung des Selbstwertes. Es ergeben sich Hinweise, dass die Bereitschaft wächst, dem Angsterleben auch eine Sinnhaftigkeit und einen Wachstumswert für das eigene Leben zuzubilligen. Möglicherweise liegt der Zugewinn einer Selbsthilfegruppen-Teilnahme allgemein weniger in einer realen Abnahme der Angst-Wahrnehmung, als mehr in einer Zunahme von neuen, aktiven Gestaltungsoptionen der eigenen Lebensführung und dem Erkennen und Einbringen persönlicher „Stärken“. Eine angstbetont-isolierende Selbst-Sicht schwächt sich ab zu Gunsten eines solidarischeren Gemeinschaftsempfindens unter Mitbetroffenen und Mitmenschen.
Wie einleitend schon geschrieben, sind hier nur Auszüge der Ergebnisse zusammengefasst dargestellt. Wir sind ausdrücklich an einer weiterführenden Diskussion und an Rückmeldungen interessiert.
Autor:
Johannes-Peter Wolters (55J.) Mediziner und als Selbst- Betroffener Mitglied des Selbsthilfe-Kreises „Leben mit Sozialen Ängsten“ Paderborn.
Studie und Autor: Johannes Peter Wolters
Mitwirkende: Marita Krämer, Jan Pönighaus
Diese Auswertung der ersten Daten von November 2005 - Dezember 2007 ist als Artikel erschienen in der Deutschen Angst-Zeitschrift (daz) Heft 42 (August 08).


