Soziale Phobie
Quelle: http:/homepage.swissonline.ch/redfox/Sozphob.html
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Soziale Phobie
Eine soziale Phobie ist eine anhaltende Angst vor sozialen Leistungssituationen, in denen unbekannte oder Autoritätspersonen anwesend sind und eine Beurteilung abgeben (könnten). Ein Sozialphobiker befürchtet in dieser Situation, sein Verhalten könne auf die andern lächerlich wirken oder er könnte sich blamieren (Angstsymptome). Er versucht alles an sich zu kontrollieren und spielt mögliche Gespräche schon Tage voraus im Kopf immer und immer wieder ab. Er glaubt, andere Menschen würden ihn ablehnen und ausstossen, wenn sie merken würden, wie er wirklich ist (aber viele wissen selber nicht, was sie damit meinen). Wenn es irgendwie möglich ist, meidet er die phobischen Situationen, die zum Beispiel sein können: Beginn und Aufrechterhaltung von Konversationen, Verabredungen, Partybesuche, mit Vorgesetzten oder Autoritätspersonen sprechen. Phobien vor nur einer Situation sind eher selten. Dieses Verhalten beeinträchtigt natürlich den schulischen/beruflichen Aufstieg, viele Sozialphobiker sind arbeitslos weil sie es nicht schaffen, einen neuen Job zu finden, da dazu Gespräche nötig wären. Jene, die einen Job haben, setzen sich sehr unter Druck, alles perfekt zu machen und werden daher sehr geschätzt und immer für ihren Perfektionismus gelobt. Der Perfektionismus entsteht daraus, dass der Betroffene versucht, möglichst wenig Angriffsfläche für Kritik zu bieten. Sozialphobiker stellen sehr hohe Ansprüche an sich und zweifeln dabei gleichzeitig daran, dass ausgerechnet SIE diese erreichen könnten. Ihr niedriges Selbstwertgefühl steht meist in krassen Gegensätzen zu dem, was sie leisten und was andere Menschen/Mitarbeiter/Kollegen/Lehrer für eine Meinung von ihnen haben. Der Sozialphobiker schreibt negative Ergebnisse sich selbst, positive Ausgänge Glück oder dem Wohlwollen anderer zu. Da Sozialphobiker ständig daran denken was andere über sie denken könnten, sind sie meistens Paragraphenreiter, das heisst, wenn es einmal keine negativen Folgen hatte, dass sie ihre Haare kurz trugen, werden sie das immer wieder tun und die neue Erfahrung (wachsen lassen, warten bis man nichts mehr von der Frisur sieht) scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Der Sozialphobiker lebt meistens in der Vergangenheit und erinnert sich eher an frühere Misserfolge als an ein einmal erhaltenes Lob. Er zieht negative, einseitige Schlussfolgerungen, ähnlich wie man es von Depressiven kennt. Die meisten Sozialphobiker bleiben Singles (je nach Studie bis zu 68%) und bei den meisten begann die Entwicklung der Phobie schon in der Pubertät. Ein Sozialphobiker ist von sich überzeugt, unbeholfener, unattraktiver und minderwertiger als alle anderen zu sein. Aus Furcht vor Kritik, Ablehnung und Missbilligung schränkt er sein Leben sehr ein, manchmal so weit, dass er das Haus nicht mehr verlässt, ausser wenn er zur Arbeit muss. Dadurch verpasst er wichtige Entwicklungen (und wenn es die Einführung neuer Fahrkartenautomaten an der Bushaltestelle ist) und gerät dann in eine phobische Situation (Soll ich jetzt jemanden fragen? Oh Gott, wie die mich angucken, ich bin sicher der Dümmste von allen! Ich muss hier weg!). Der Sozialphobiker erkennt meistens sein Problem nicht. Er denkt, seine Probleme seien zitternde Hände, Herzrasen, ein hochroter Kopf. Tatsächlich führen diese Symptome bisweilen zu Reaktionen der Umwelt, doch man bedenke, dass sie ohne die Phobie sicher nicht vorhanden wären. Ein Sozialphobiker kann sich NIE völlig entspannen. Vielleicht ein weiteres Beispiel: Ein Sozialphobiker kann nicht auf der Strasse gehen, wenn er weiss, dass ein paar Meter hinter ihm jemand anderes läuft. Ihm wird übel, er glaubt, bei jedem Schritt zu stolpern. Er meint, der andere Mensch beobachte ihn ständig, überhaupt würden ihn alle beobachten, doch das ist Unsinn. Der Mensch hinter ihm denkt vielleicht 5 Sekunden darüber nach, dass vor ihm noch jemand anderes läuft und zeigt mit ziemlicher Sicherheit nicht das geringste Interesse an der Gangtechnik oder Armhaltung unseres Sozialphobikers.
Die Ursachen einer sozialen Phobie
Es ist mittlerweile erwiesen, dass der Erziehungsstil der Eltern viel zur Bildung einer späteren sozialen Phobie beitragen kann. Die Eltern von Sozialphobikern sind häufig überbehütend, ablehnend oder selbst sozial ängstlich, wenig kontaktfreudig gegenüber andern Familien und Bekannten und von neuen sozialen Erfahrungen abhaltend. Ausserdem legen sie häufig extremen Wert auf die Meinung anderer und setzen Scham als Erziehungsmassnahme ein. Dies begünstigt wie schon gesagt die Entwicklung einer solchen Phobie und reicht meistens nicht aus, um sie auszulösen. Nun bedarf es also eines Auslösers, und der heisst immer häufiger ''Mobbing''. Es ist relativ selten, dass es plötzlich während eines Gesprächs zu einer Angstattacke kommt und die Phobie auf diese Weise entsteht. Übersicht der Ursachen:
· Traumatisches Ereignis / traumatische Ereignisse mit negativem Ausgang
· Bestrafungsprozeduren in der Kindheit verursachen soziale Unsicherheit
· Ängste können die Folge sozialer Defizite sein
· Gesellschaftlich vermittelte Einstellungen und durch die Erziehung erzeugte Schuldgefühle bei der Übertretung von Normen .
Weitere Hinweise sind im nächsten Abschnitt zu lesen.... Hier ein Schema zum ''Ablauf'' einer sozialen Phobie:
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genetische Faktoren (nur spekulativ/erst teilweise erwiesen) · Schüchternheit · starke physiologische Erregbarkeit Umgebungsfaktoren · soziale Ängstlichkeit der Eltern · wenig soziale Aktivitäten der Eltern · wenig selbstwertfördernder Erziehungsstil · negative Erfahrungen mit gleichaltrigen / gegengeschlechtlichen Personen (gehänselt werden, nicht beachtet werden) Überzeugungen · Überbetonung von Formen und Regeln für soziale Kontakte (auch in Erziehung!) (man muss · dysfunktionale Einstellungen und Ansprüche Erwartungen · soziale Situation führen zu Peinlichkeit(en) · Zurückweisung · Erniedrigung · Geringschätzung · mangelnde Erfolgserwartung · Angstsymptome (-inhalte) · ängstlich, nervöse Erregung in/vor sozialen Situationen · Einengung der Aufmerksamkeit auf subjektiv bedrohliche Reize der sozialen Situation (kein Blickkontakt, kein Lächeln, angestrengte Miene) · Befürchtung, die Angst könnte sichtbar sein Folgen der Angst · durch andere sichtbare oder vermutete Auffälligkeit im Verhalten (angespannte Mimik, wenig Blickkontakt, unsicheres Sprechen, Erröten ) · selbstwertschädigende Gedankenkette über die eigene Unfähigkeit · erhöhte Angst vor zukünftigen sozialen Situationen · Vermeidung derselben · (Depression) |
Mediziner haben eine andere These zur Entstehung psychischer Störungen. Neurologen haben den Botenstoff Serotonin entlarvt. Er leitet im Gehirn elektrische Impulse von einem Neuron zum nächsten. Es ist bekannt, dass zuviel dieses Stoffes psychische Störungen verursachen kann. Wie Klaus-Peter Lesch, Oberarzt an der Uni Würzburg, bewies produzieren zwei Drittel der Menschheit mehr Serotonin als die restlichen 30%. Laut seiner Studie ist ein fehlendes Stück Erbgut verantwortlich für diese Unterproduktion. Die Ängstlichen sind also in der Mehrheit. Offenbar ist Ängstlichkeit in der Evolution eine vorteilhafte Strategie: Der Feigling überlebte den Draufgänger. Wiederum eine andere These macht das Hormon Melatonin, das vor allem in den Wintermonaten gebildet wird, für Schüchternheit verantwortlich.... Wird ein Baby in den Wintermonaten gezeugt (d.h. der Geburtstag fällt auf August/September), wird es sehr stark von dem Hormon geprägt, das die Nervenaktivität fördert. Solche Säuglinge reagieren auf neue Situationen sensitiv, das heisst mit Unbehagen und höherem Herzschlag. Sobald sie älter sind, gehen diese Kinder Neuem aus dem Weg.
Die Entwicklung und das (mögliche) Ende einer sozialen Phobie
Eine der wichtigsten Ursachen für eine soziale Phobie ist Mobbing - ganz egal, ob im Beruf, zu Hause oder in der Schule. Man kann aber auch noch weiter zurückgehen, und die Ursachen des gemobbt werdens suchen. Die soziale Phobie manifestiert sich in der Pubertät, je nach Studie zwischen dem 13. und 21. Lebensjahr, weshalb wir uns speziell die Ursachen für Mobbing in der Schule ansehen sollten. Diese sind fast immer Unterschiede zwischen dem Gequälten und den andern. Das könnte eine Krankheit sein, die eine Teilnahme an gewissen Aktivitäten hindert (Asthma, Epilepsie usw), ein Schönheitsmakel (es muss nicht einmal ein grosser sein, Kinder können ja so grausam sein) oder der Betroffene ist strebsamer/intelligenter, schwächer/dünner, kleiner oder stiller als seine Mitschüler. Studien beweisen, dass die meisten Kinder schon nach einmaligem Mobbing zurückhaltender werden und vorsichtiger (schüchterner...) handeln als zuvor. Bei einigen reicht ein einmaliges ''Auslachen'' (wie es von den Lehrern oft harmlos genannt wird) um den Abbruch jeglicher sozialer Kontakte zu verursachen (in Lehrersprache : ''Er/Sie verkriecht sich in sein/ihr Schneckenhaus, das hat nichts zu bedeuten, es geht wieder weg, wenn er/sie mehr mit Kameraden zusammen ist.''). Was noch schlimmer ist, ist die Tatsache, dass ein gemobbtes Kind meist keine Hilfe erhält (''Du musst lernen dich selber zu wehren!'') und weiterem Spott schutzlos ausgesetzt ist. Dieser meisselt meist definitiv ein, was das erste Mal auslachen nur eingeritzt hat. Man kann dieses Schema auch auf die Erwachsenenwelt und den Beruf übertragen. Eine gemobbte Sekretärin wird nicht weniger leiden, wenn sie den Betrieb wechselt, ihre Angst bleibt bestehen, und wenn die neuen Kollegen noch so nett sind. Genauso wird auch ein Schulwechsel beim geplagten Kind nichts bringen. Egal ob Erwachsener oder Kind, beiden raubt das Mobbing jegliches Selbstvertrauen. Sie beginnen zu glauben, was die anderen sagen, sie denken ''Die haben ja recht.'' Nun gibt es zwei mögliche Schemata, wie ein Betroffener reagieren kann. Entweder er zieht sich vollkommen zurück, ein Weg, der oft (und leider schnell) zu Depression und Selbstmord führt, oder er versucht sich so zu verändern, wie es den anderen gefallen könnte. Könnte, weil es ihnen nicht gefallen will, da sie doch nun ein Opfer zum Quälen haben. Also muss die grenzenlose Perfektion angestrebt werden. Aber je perfekter er wird, desto grösser ist der Druck, noch perfekter zu sein. Das ist ein entscheidender Schritt, denn nunmehr versucht der Phobiker alles an sich zu kontrollieren und zu verändern. Aber er hat Angst. Angst, dass es den anderen Menschen wieder nicht recht sein könnte, und darum versucht er, seine (eingebildeten) Mäkel zu verstecken. Und wo liegen seine Mäkel? Alles, was von früher geblieben ist, als ihn die Mitschüler nicht mochten: ER SELBST IST DER MAKEL. Das denkt er, und darum darf niemand erkennen, wie er wirklich ist. Nach vielen Jahren wird er merken, dass er selbst gar nicht mehr da ist. Er hat sich selbst aufgefressen um diese makellose Hülle zu errichten und die ist jetzt leer. Viele bemerken diesen Wandel schon früher und sie möchten ihn verhindern, doch die Phobie zwingt sie zum Weitermachen, sie sind machtlos. In dieser Verzweiflung und Depression liegt für viele der Schritt zum Alkohol nahe. Viele Sozialphobiker sind Alkoholiker. Am Ende dieser grausigen Entwicklung wird sich unser Sozialphobiker vielleicht in einer Depression das Leben nehmen. Wie es leider oft vorkommt unter Sozialphobikern.... Dann werden sich seine Angehörigen und Arbeitskollegen fragen ''Aber wieso? Er war doch so perfekt?'' Er war zu perfekt.
Wo liegt die Grenze zwischen Schüchternheit und sozialer Phobie?
Wir haben inzwischen geklärt, dass die soziale Phobie eine Angst vor der Gesellschaft anderer Personen ist. Diese Angst kommt zustande durch die ständig im Unterbewusstsein präsente Frage: ''Was denkt der andere über mich?'' Diese Frage hat sich aber bestimmt jeder Mensch schon mehrmals gestellt, auch die Menschen, die offensichtlich nicht an einer sozialen Phobie leiden. Es gibt also bei jedem Menschen irgendeine Grenze, an der er anfängt, darüber nachzudenken, was andere über ihn denken. Würde es diese Grenze nicht geben, so würde man sicherlich oft Personen beobachten, die bei warmen Wetter nackt durch die Stadt gehen, weil sie einfach keine Lust hatten sich anzuziehen. Auch wäre es dann ein normales Bild, das ständig jemand seine "Geschäfte" mitten auf dem Bürgersteig erledigt, denn was sollte ihn davon abhalten, wenn es ihn absolut nicht interessiert was andere darüber denken, er aber nötig muß? Gleichermassen hätten versaute Witze Hochkonjunktur. Fast jeder findet sie witzig, fast jeder erzählt sie sich im engen Freundeskreis, trotzdem würde man sie mit einem bisschen Schamgefühl doch niemals während einer konservativen Party erzählen.... Also sind wir uns einig, dass ein gesundes Mass an Schamgefühl nicht nur sinnvoll, sondern sogar notwendig ist. Es ermöglicht erst ein vernünftiges Zusammenleben in einer Gesellschaft. Die Grenze ist also sehr fließend. Es gibt keinen klar zu definierenden Punkt, ab dem jemand an einer sozialen Phobie leidet. Dahingegen gibt es allerdings viele Anhaltspunkte, die Hinweise darauf geben:
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Könnten Sie sich bei einem Gespräch mit anderen (natürlich nicht mit jedem) vollkommen entspannen? Haben Sie manchmal unglaubliche Lust, sich mit anderen zu unterhalten? Spielen sie nie mögliche Gespräche (mit Vorgesetzten) im Kopf ab? Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sind alleine und sitzen etwas komisch (gemütlich) auf ihrem Stuhl. Würden Sie so sitzenbleiben, wenn sie wüssten dass gleich jemand hereinkommt? Können Sie sich beim Sex gehenlassen? (oder denken Sie nur ständig daran ob es dem Partner wohl gefällt) |
Selbst wenn Sie hier nur eine Frage mit ''Nein'' beantwortet haben könnten Sie schon zuviel Wert auf die Meinung anderer legen. Wenn Sie allerdings zwei oder mehr Fragen mit ''Nein'' beantwortet haben, deutet das stark auf eine schon vorhandene soziale Phobie hin. Um aber doch einen Versuch der Definition zu wagen: Wenn zu ''normaler'' Schüchternheit übertriebene Sorge vor Missbilligung, Kritik und Blamage, Angst vor autoritärem Verhalten, die Unfähigkeit seine eigenen Bedürfnisse anzubringen (nicht ''Nein'' sagen können) und eine Konfliktunfähigkeit dazukommen, muss man von einer generalisierten sozialen Phobie sprechen. Oder: Schüchterne fassen Vertrauen, je länger die beängstigende Situation dauert, das heisst sie tauen auf. Sozialphobiker empfinden die Situation je länger sie dauert um so unerträglicher.
Soziale Defizite
Ein Begriff der häufig auftaucht, aber nicht mit sozialer Phobie zu verwechseln ist, heisst ''soziale Defizite" (auch ''mangelnde soziale Fertigkeiten/Kompetenz/Skills''). Es herrscht immer noch ein Streit, ob eine Unterscheidung von Sozialphobikern und Menschen mit sozialen Defiziten möglich bzw. nützlich ist. Die einen sagen, soziale Defizite gehören nicht zu den Angststörungen und müssten ganz anders therapiert werden. Andere sind praxisorientiert und sagen, viele Patienten hätten sowieso beides und diese Trennung sei unzweckmässig. Gewiss trifft Letzteres zu, da soziale Phobie durch Vermeidung zu sozialen Defiziten führt und da soziale Defizite über negative Erfahrungen zur sozialen Phobie führen. Die Übergänge sind gewissermassen fliessend. Für die zweite Gruppe gehören sowohl soziale Defizite wie auch die soziale Phobie zur Gruppe der ''sozialen Hemmungen'' und die Behandlung der beiden ist nicht grundverschieden. Es ist unerforscht, wie weit sich die soziale Phobie und soziale Defizite überlappen.
Teufelskreis
Etwas ganz Charakteristisches für die soziale Phobie ist die ''Angst vor der Angst''. Schon wenn die Einladung zu einer Party ins Haus flattert, bekommen Sozialphobiker Angst. Sie stehen schon in der Erwartung der Situation schreckliche Ängste (und auch körperliche Beschwerden) durch. Die körperlichen Reaktionen stellen für viele das vordergründige Problem dar, weil diese Symptome nach außen sichtbar werden und als weiterer Grund für ablehnende oder negative Bewertung der Umwelt empfunden werden. So kann ein Teufelskreis entstehen: Die irrationale Furcht löst Angst aus, dadurch wird die Leistung tatsächlich beeinträchtigt (Zittern beim Trinken), was andere eventuell bemerken und was wiederum die Vermeidungstendenz steigert. Der Mensch, auf den sich die Ängste beziehen, reagiert auf das Verhalten, und dadurch wird die Situation noch komplizierter. Der Aufzug, das Flugzeug oder das kleine Zimmer bleiben immer gleich, doch bei Sozialphobikern reagieren die anderen auf deren Reaktion. Damit wird genau die Situation heraufbeschworen, vor der sich der Sozialphobiker fürchtet. In der Regel ist es aber so, dass diese Vorangst unbegründet bleibt. Man erwartet einen Zusammenbruch mit allem drum und dran, dabei bleibt es bei einem kurzen Stottern, das vom Gegenüber nicht sonderlich beachtet wird. Das ist der Punkt, wo man ansetzen kann, um diese Erwartungsangst zu bremsen. Man muss sich immer wieder sagen ''Das letzte Mal wurde es auch nicht so schlimm , wie du geglaubt hast....''Angstsymptome
Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, was mit dem Körper währen einer Angstattacke passiert... Viele Sozialphobiker befürchten, bei einer Panikattacke in Ohnmacht zu fallen. Genau das wird aber nicht passieren. Angst und ihre Symptome sind ein uralter Schutzmechanismus des Körpers. Bei Gefahr wird der gesamte Körper schlagartig mobilisiert, um eine Flucht oder Verteidigung zu ermöglichen. Was wir davon spüren sind ''Angstsymptome''. Nun wäre es doch dumm, wenn sich der Körper im wichtigsten Moment, wo es um sein Leben gehen könnte, selbst ausschalten würde. Das müssen sich Personen, die fürchten in Ohnmacht zu fallen, immer wieder sagen. Noch bevor wir die Gefahr erkennen, schlägt das Gehirn Alarm. Botenstoffe wie Noradrenalin bringen Atmung, Kreislauf, Stoffwechsel und Muskulatur auf Hochtouren um den Körper für Kampf oder Flucht so gut wie möglich zu wappnen. Das Herz pumpt mehr Blut in die Muskeln und deckt deren erhöhten Sauerstoff- und Zuckerverbrauch. Dadurch werden Verdauungsorgane, Haut und Gehirn schwächer durchblutet und das Gesicht wird bleich. Die Hirnregionen Mandelkern und Hippocampus bündeln die Signale aus Umwelt und Körper und vergleichen sie mit bereits vorhandenen Erfahrungen aus ähnlichen Situationen. Das alles verschmilzt zum Angstgefühl, welches die Reaktion verstärkt. Das Hormon ACTH, welches die Nebenniere zur Produktion der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol anregt, wird ins Blut entlassen. Daraufhin gibt die Leber Zuckerreserven frei, die den Brennstoff für die erhöhte Aktivität bilden. Noch Tage nach der Attacke ist der Körper damit beschäftigt, die Zuckerreserven wiederherzustellen. Wenn die Angstzustände länger andauern oder sich häufen wird die Produktion der Geschlechtshormone herabgesetzt und die Lust auf Sex verringert sich. Was sind jetzt aber die spürbaren Symptome? Die Pupillen weiten sich, um die Bedrohung so klar wie möglich zu sehen, die Muskeln spannen sich, was man am ehesten an den Armen oder an den Kaumuskeln spürt. Die Haut wird blutleer und die Haare stellen sich auf. Die Bronchien weiten sich, der Puls erhöht sich und wird an den Schläfen spürbar. Man beginnt zu schwitzen und verspürt den Drang, aufs Klo zu gehen. Viele Leute verspüren einen leichten Schwindel, der seine Ursache in der plötzliche Abwanderung des Blutes aus Gehirn und Organen in die Muskeln hat. Es hilft nichts, diese Symptome mit Tabletten zu behandeln, es ist wie gesagt viel besser, sich selber zu beruhigen und sich einzureden, dass es eine normale Reaktion des Körpers ist.
Die Panikattacke
Wenn man es nicht schafft sich wie oben genannt zu beruhigen, passiert es oft dass sich Angst und die Angst vor der Angst gegenseitig höherschaukeln und es zu einer richtigen Panikattacke kommt. Dann scheint alles ausser Kontrolle zu geraten. Die Symptome einer solchen Attacke sind unter anderem ein dumpfer Druck im Kopf, Mundtrockenheit, Pupillenerweiterung (manchmal so stark dass das Bild vor Augen zu flimmern beginnt), Ohrensausen, die Stimme klingt zitternd, man kann nur mehr hechelnd atmen und hat einen Kloss/ein Würgegefühl im Hals. Dazu kommt ein Schwindel, der einen wirklich umhertaumeln lässt, diffuser Magendruck bis hin zu Erbrechen. Die Hände zittern, man hat das Gefühl, bleischwere Gewichte an sich zu haben (vor allem an den Armen) und die Beine können nachgeben. Die Panikattacke hat NICHTS mit normalen Angstsymptomen zu tun - Sie ist krankhaft. Sie hat auch Auswirkungen nachdem sie vorüber ist: Vielfach bleiben Mundtrockenheit, Sehstörungen und Ohrengeräusche zurück. Anfälle von Heisshunger (die durch den viel höheren Zuckerverbrauch zurückzuführen sind) und Magen-Darm-Störungen jeglicher Art, Schlafstörungen und Alpträume sowie Muskelverspannungen, -Versteifungen, -Schmerzen und -Zuckungen sind ebenfalls Folgen davon. Die Spitze einer Panikattacke wird nach 1-3 Minuten erreicht, während es ungefähr 30 Minuten dauert, bis sie abgeklungen ist. Eine Ewigkeit für den unter Atemnot, Brustschmerzen, Übelkeit und Zittern leidenden Phobiker. Gegen Panikattacken gibt es keine wirksamen Mittel ausser Tranquilizern, die aber nicht für eine Langzeitbehandlung geeignet sind und die Ursache der Attacke nicht beseitigen.
Therapien
Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Therapie einer sozialen Phobie. Am nützlichsten wäre zweifelsohne die Gruppentherapie, doch im fortgeschrittenen Stadium ist das für den Patienten schwer zu ertragen. In einer guten Therapie sollten der Grund der Phobie ermittelt, automatische Gedanken (''Alle anderen haben Freunde. Nur ich werde wohl nie welche haben.'') erkannt und beseitigt werden, die soziale Kompetenz mit Übungen erweitert und häufig gemiedene soziale Situationen bewältigt werden. Auch sollte der Patient lernen, sich zu entspannen. In einer Gruppe wäre das viel einfacher, da der Patient erkennt, dass er kein Einzelfall ist und andere dieselben Ängste haben. Ausserdem sind in der Gruppe Rollenspiele als vorbereitung auf die Situation ''da draussen'' möglich. Eine Verhaltenstherapie ist nötig, da die ursprünglich gemachten negativen Erfahrungen durch die bisher angewandten Vermeidungsstrategien kaum mehr zu korrigieren sind. Es ist in der Regel besser, diese negativen Eindrücke mit neuen, positiven zu "überschreiben''. Dies ist mit einer Gewöhnung an den Angstauslöser möglich. Je öfters ein Patient einer phobischen Situation ausgesetzt ist, desto weniger Angst wird sie ihm in Zukunft bereiten. Wichtig ist aber, dass dabei vorsichtig und langsam vorgegangen wird, und vor allem, dass zuerst abgesprochen wird, welchen Situationen man sich aussetzen will. Ausserdem sollte auch ermittelt werden, welche Aktivitäten am meisten Angst machen und welche eher leicht zu bewältigen sind. Eine Therapie darf nicht zu schnell vorangetrieben werden, es ist wichtig, dass jeder Schritt (jede Situation) vollkommen sicher beherrscht wird, ehe man zum nächsten geht. Man darf allerdings nicht den Fehler machen und sich nur diesem Teil der Behandlung widmen. Es gibt tatsächlich Therapeuten, die regelrechte Rhetorikkurse anbieten. In diesen lernt der Sozialphobiker das perfekte und fehlerfreie Sprechen, was ein weiterer Schritt in Richtung des perfekten Menschen und somit ein Schritt in die falsche Richtung ist, da die Phobie damit nicht behandelt wird. Die soziale Phobie kann auch mit sogenannten Tranquilizern behandelt werden, was aber nur für sehr kurze Zeit und bei schweren Fällen zu empfehlen ist, da Suchtgefahr besteht. Ausserdem ist in den Nebenwirkungslisten der meisten dieser Medikamente zu lesen ''führt zu Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Nervosität, Schwindel, Kopfschmerzen, ...'' Dies sind alles typische Angstsymptome, die bei Auftreten den Patienten noch mehr verunsichern und im schlimmsten Fall eine Panikattacke verursachen können. Des weiteren bewährt sind Selbsthilfegruppen, denn es werden nicht nur Probleme ausgetauscht, sondern auch angstmachende Situationen durchgespielt. Im Anfangsstadium besteht die Möglichkeit, eine Selbsttherapie durchzuführen und durch Studium von Literatur seine Probleme zu erkennen und möglicherweise rechtzeitig zu beseitigen. Wichtig ist vor allem, dass die soziale Phobie sehr früh therapiert wird - so früh wie möglich! Sobald die Krankheit ein fortgeschrittenes Stadium erreicht, wird die Therapie mühsamer und im schlimmsten Fall unmöglich, da dem Patienten durch eine Therapie neue (schwerste) psychische Schädigungen angetan würden - Mit Folgen, die ins Ungewisse reichen.
Selbsttherapie
Eine Möglichkeit der Selbsttherapie ist es, die Angst vor phobischen Situationen durch kontinuierliche Konfrontation mit eben diesen herabzusetzen. Diese Selbsttherapie eignet sich meines Erachtens für jeden, der noch nicht so stark in seiner Phobie gefangen ist, als dass er sich die Aufgaben, die ich gleich anspreche, nicht zutraut. Grundsätzlich sollte jeder für sich selber überprüfen, ob das wirkliche Hauptproblem das ist, was die anderen über einen denken (Aufklärung). Genau hier setzt nämlich diese Therapie an. Sie ist bestimmt für alle Sozialphobiker geeignet, besonders hilft sie aber wohl den Vorwärtsvermeider-Perfektionisten, da sie genau gegensätzlich zu ihrem sonstigen Verhalten steht, und dadurch bei ihnen auch den stärksten Effekt bringen könnte. Der Sozialphobiker macht sich zu viele Gedanken über die Gedanken der anderen. Das wichtigste Ziel muß es also sein, sich davon zu lösen. Erst wenn ich mir keine Gedanken mehr darüber mache, wie ich auf andere wirke, kann ich natürlich sein. Ein einfaches Beispiel: Ein Jugendlicher, 15 Jahre, hat sich richtig verknallt. Er ist ein normaler Typ - nicht verklemmt. Aber in der Gegenwart des Mädchens seiner Träume wird er kaum ein Wort erausbekommen. Vielleicht wird er sich sogar viel tolpatschiger benehmen, als er es normalerweise tut. Warum ist das so? Der Grund liegt wohl auf der Hand: Er versucht sich zu verstellen. Er versucht nichts mehr zu sagen, was dem Mädchen nicht gefallen könnte. Also redet er nicht einfach drauf los, wie er es in Gegenwart seiner Freunde tut, sondern er versucht "wichtige, sinnvollere" Themen zu finden. Darum ist er sprachlos. Er stolpert vielleicht öfter, gerade weil er versucht nicht zu stolpern. Er verwendet einfach zuviel seiner Konzentration auf den Gedanken "wie wirke ich wohl gerade auf sie", so daß er selbst bei sonst durchs Unterbewusstsein gesteuerten Aktionen (z.B. gehen) Probleme bekommt. Das wird fast allen bei der ersten Liebe so gehen, darum ist es normal. Der Sozialphobiker hält es aber für notwendig, auf alle Personen so zu wirken. Und genau das ist es, was er abzustellen versuchen muss. Es muß irgendwie die Überzeugung her, dass es unwichtige Menschen und wichtige Menschen gibt. Mit 'unwichtig' meine ich hier, dass es Menschen gibt, die für einen persönlich unwichtig sind. Wahrscheinlich sind wir uns einig, dass ein Mensch, an dem man im Urlaub -1500 km entfernt von der Heimat- vorbeigeht, unwichtig ist. Genauso ist ein Mensch unwichtig, den wir nicht kennen aber irgendwo auf dem Bürgersteig unserer Heimatstadt sehen. Frage: Wenn wir uns also in der Theorie einig sind, dass diese Menschen unwichtig für uns sind, wie bringen wir das dann unserem Unterbewusstsein bei? Ich persönlich habe mich bisher auch von solchen Menschen sehr stark abhängig gemacht. Obwohl ich sie vielleicht nie wieder sehe, obwohl sie vielleicht nur (wenn überhaupt) fünf Sekunden über mich nachdenken, habe ich versucht so perfekt wie möglich auf sie zu wirken. Keine Grimassen schneiden, wenn Leute mich während einer Autofahrt sehen könnten. Nicht lauthals singen, wenn ich an einer Ampel stehe und der Fahrer des vorigen Fahrzeugs mich im Rückspiegel beobachten könnte. Aufpassen, das ich keine Schlangenlinien fahre. Das gleiche was hier beispielhaft fürs Auto fahren beschrieben wurde gilt natürlich auch für alle anderen Lebenssituationen, wo mich Personen beobachten können. Das bedeutet: DRUCK, unglaublicher Druck, immer dann, wenn ich nicht alleine bin. Nachdem ich mir selber klargemacht habe, das es völlig egal ist, was solche fremden Personen über mich denken, musste es also darum gehen, dieses theoretische Verständnis inen totalen Idioten halten.'' ''Ich bin die allerwichtigste Person für mich, alles was ich machen will (ohne anderen Schaden zuzufügen) kann ich einfach machen !'' Weiterhin kann versucht werden, das eigene Selbstvertrauen gezielt zu steigern. Genauso wichtig wie das gezielte Steigern des Selbstvertrauens ist es aber, endlich falsche Denkprozesse abzustellen, die das Selbstvertrauen verletzen. Am Beispiel ''Äusseres'' ist beschrieben, wie man seine Sichtweisen ändern kann. in die Tat umzusetzen. Dafür ist alles erlaubt, was einem einfällt: Warum nicht einfach einmal mit dem PKW bewusst Schlangenlinien fahren? Warum nicht Grimassen schneiden oder die Zunge rausstrecken, während man entgegenkommende Fahrer anguckt? Warum nicht einfach mal den entgegenkommenden Fahrer anhupen und freundlich grüßen? Warum nicht einfach mal den Wagen vor der gerade grün gewordenen Ampel abwürgen? Warum nicht einfach mal verpennen dass Grün geworden ist und solange nicht anfahren bis einer hupt? Das Auto bietet hier den besten Ort für den Anfang dieser Therapie. Hier traut man sich mehr, da man ja schnell wieder aus der Situation heraus ist. Eine Möglichkeit ist es z.B. erst nur auffällig zu werden, während man sehr schnell fährt, später dann in der Stadt, bei langsamer Fahrt, dann vielleicht sogar im Stand vor einer roten Ampel.... Die Erfolge sind beachtlich. Im Auto fühlt man sich gleich befreiter und lockerer. Ich habe den Zwang, was die anderen Pkw-Fahrer über mich wohl denken, schon fast komplett abgelegt. Dieses Gefühl ist sogar schon teilweise ins Unterbewusstsein eingedrungen. Während ich früher bestimmte Verhaltensweisen im Auto nicht an den Tag gelegt hatte (z.B. lauthals mitsingen, wenn ich wusste das mich jemand beobachtet/an der Ampel durch langsames Anfahren usw. auffällig werden...) sind das inzwischen schon normale Sachen für mich, zu denen ich mich nicht mehr (wie am Anfang dieser Therapie) zwingen muss. Nachdem man eine Situation extra herbeigeführt hat, in der man sich unwohl gefühlt hat, ist die Hemmschwelle für diese Situation ein kleines bisschen niedriger geworden. Manövriert man sich dann noch ein paarmal in die gleiche Situation, so wird sie einem nach einer Weile nichts mehr ausmachen und man wird anfangen nach extremeren Situationen zu suchen, die man sich selber als Aufgabe stellt. Hier ein Beispiel: Wem es unheimlich peinlich ist, einem entgegenkommenden Autofahrer die Zunge rauszustrecken, weil dieser ja denken könnte: "Hat der/die total einen an der Klatsche?" der wird schon nach dem 5. Mal merken, das es nicht mehr so schlimm ist. Irgendwann wird es einem dann gar nichts mehr ausmachen und man könnte sogar überlegen ob man nicht vorher mal kurz hupt, damit auch wirklich jeder guckt ... Ziel dieser Therapie ist es, das Unterbewusstsein gezielt zu manipulieren. Mit jeder unangenehmen Situation die man ohne "Schaden" überstanden hat, wird der im Unterbewusstsein immer präsenten Frage "Was denkt der andere über mich?" ein wenig der Nährboden entzogen. Um so weniger man über diese Frage nachdenkt, um so natürlicher wird man sich verhalten, bis man irgendwann keinen unnormal hohen Wert auf die Meinung der anderen mehr legt. Risiken: Diese "Selbsttherapie" hat bei mir sehr schnell erste Erfolge erzielt. Dadurch bin ich geradezu in eine euphorische Stimmung ausgebrochen, die sich mit "Lebensfreude pur" am besten umschreiben lässt. Die im Unterbewusstsein fest verankerten Strukturen sind aber nicht durch ein paar Übungen wegzubekommen. Aus diesem Grund folgt der ersten totalen Euphorie schnell eine kleine Depressiv-Phase, wenn man das feststellt. Wichtig ist es, hier nicht aufzugeben !!! Wer weitermacht, der wird immer wieder durch kleine Teilerfolge ermutigt. Als weitere Ermutigung habe ich hier nochmals etwas ausführlicher geschildert , welche Erfolge ich erzielt habe. Zu diesen Taten sollten noch weitere parallele Aktionen laufen. So ist es sicher sinnvoll, sich ständig selber vorzusprechen: ''Mir ist es egal was andere über mich denken.'' ''Mein Leben verändert sich nicht um das kleinste Bisschen, auch wenn mich ein paar Menschen für e
Michael
Eine andere gute Möglichkeit zur Therapie bilden die öffentlichen Verkehrsmittel. Allerdings ist das eher etwas für Fortgeschrittene, und wer das schon mal probiert hat weiss auch warum: Im Bus oder Tram sammeln sich die seltsamsten Figuren. Für den Anfang nimmt man am besten eine Linie, deren Stationen dicht aufeinander folgen, um den Bus jederzeit verlassen zu können. Auch eine U-Bahn ist dafür geeignet... Man sollte sich zuerst eher einfache Ziele stecken, zum Beispiel zwei Haltestellen abwarten und dann aussteigen. Wenn man merkt, dass man sich ein zu grosses Ziel gesetzt hat, ist es besser auszusteigen als sich mit etwas abzulenken, denn dann war ja alles für die Katz. Einem Anfänger kann es auch helfen, etwas Musik zu hören, während er im Bus ist, denn das verhindert, dass ihn jemand anspricht, was ja nie ausgeschlossen ist (irgendwer hat immer keine Uhr oder will 'ne Zigarette haben). Mit der Zeit kann man durchaus mutiger werden, wie wäre es zum Beispiel, eine ganze Runde zu drehen, also zur Endstation und wieder zurück? Anfangs versteckt man sich hinten im Bus, und nach einigen Durchführungen könnte man es wagen, sich ganz nach vorne zu setzen, so dass der Busfahrer einen sieht und sich fragen könnte, warum man eine Runde dreht. Man könnte an einer Haltestelle wo sich einige Linien kreuzen endlos lange stehenbleiben, so dass sich die anwesenden Leute ernstlich fragen könnten, auf welche Linie man denn wartet. Vielleicht wird man sogar angesprochen... Für Fortgeschrittene wäre doch auch eine kleine Zugfahrt zur Stosszeit keine schlechte Übung... Eine (besonders) für Männer ''interessante'' Übung wäre es vielleicht, in einen Supermarkt zu gehen und eine Packung Monatsbinden zu kaufen, oder Tampons... Es geht die Kassiererin und die anderen Leute NICHT DAS GERINGSTE an, was man kauft, jeder darf kaufen was er will, solange er es bezahlt! Wer unbedingt meint, Damenbinden seien nicht beschämend genug, der kann allerhand anderes Zeugs kaufen, zur Auswahl nehme man am besten einen Beate Uhse-Katalog.... (Minderjährige Finger weg!) Etwas anderes, das helfen könnte, ist seine Besorgungen während der Stosszeiten zu verrichten. Man muss vielleicht nicht mal etwas kaufen, es reicht schon, der grössten Einkaufsmeile der Stadt entlangzulaufen - aber langsam! Das waren jetzt lauter Übungen, wie sie im alltäglichen Leben vorkommen können, doch wer sich wirklich von der Phobie befreien will, muss sich weiter aus dem Fenster lehnen und auch Dinge überstehen, die sonst kein Mensch tun würde. Weil sie dumm, nutzlos und (eben) beschämend sind. Ein paar dieser Dinge will ich hier schildern: Eine Übung könnte sein, dass man sich vor ein grosses Einkaufszentrum stellt (zum Beispiel Karstadt) und einen Passanten nach dem Weg zu eben diesem fragt. Wenn man das ohne Erröten oder Panikattacke übersteht, kann man auch viele andere ''dumme'' Dinge tun. Die Liste solcher Dinge ist enorm. Ein Klassiker, der auch gerne in begleiteten Therapien angewandt wird, ist, sich seltsame Kleider anzuziehen und mitten in einer Menschenmenge aus der Bibel vorzulesen. Mann kann aber auch nur in seltsamen Kleidern rumlaufen oder nur vorlesen - Für den Anfang... Eine weitere Übung für die ganz Fortgeschrittenen ist es, kurz vor Ladenschluss in ein Geschäft für Kleider oder so etwas zu gehen und die ganze Kollektion sehen zu wollen. Aber vorsichtig, es könnte sein, dass die Angestellten sauer werden... Mit Recht, wie ich sagen muss... Wer allerdings das schafft, traut sich mehr als mancher Nichtphobiker.
Claudia
Soziale Phobie und der Alkohol
Traurig aber wahr, immer mehr Sozialphobiker flüchten in den Alkoholmissbrauch. Der Sozialphobiker steht ständig unter Stress und findet nie Ruhe, da ist die Belohnung einer angstreduzierenden Droge enorm. Soweit ist es sicher für jeden verständlich, wenn man sich vorstellt, dass diese Menschen Nächte damit zuzubringen zu überlegen, was sie am nächsten Tag zur Kassiererin im Supermarkt sagen um sich ja nicht zu blamieren. Aber der Alkohol vermag die bestehenden Probleme genausowenig zu lösen wie Kokain, Heroin oder andere Drogen. Im Gegenteil, wenn die Mitmenschen erst einmal bemerken, wie jemand in die Sucht verfällt, distanzieren sie sich und der Betroffene wird noch mehr isoliert.
Medikamente
Medikamente die zur Behandlungsunterstützung angewendet werden sind meistens sogenannte psychotrope Medikamente, sie wirken auf das zentrale Nervensystem und damit direkt auch auf das Seelenleben. Anbieten würden sich Beta-Rezeptorenblocker, Benzodiazepine, Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), Mono-Amino-Oxidase-Hemmer (MAO-H) sowie verschiedene pflanzliche Präparate (Phytopharmaka). Da soziale Phobie noch nicht sehr lange gezielt behandelt wird sind erst wenige Studien über die Wirkung dieser Medikamente bei sozialer Phobie angefertigt worden, was die Möglichkeiten zur medikamentösen Behandlung einschränkt.
Tranquilizer auf Basis von Benzodiazepin werden am häufigsten verordnet, lösen aber auch die heftigsten Kontroversen aus. Meiner Meinung nach sind sie wegen ihrer hohen Suchtgefahr zu meiden oder nur unter strengster Kontrolle abzugeben und selbst dies nur für sehr kurze Zeit. Faktum ist, dass Benzodiazepin auch weiterhin eine (Not-)Lösung bleiben wird. Viele Ärzte geben es nur bedarfsweise und in Form von Tropfen (schnelle Wirkung aber gleichzeitig niedrige Dosierung) ab. Vor allem bei längerfristiger Anwendung sind Benzodiazepine schädlich, nicht nur weil nach wenigen Wochen bis Monaten die Gefahr einer Sucht besteht, sondern weil sie auch abschottend wirken, eine in Wirklichkeit nicht vorhandene Selbstsicherheit vorgaukeln.
Beta-Rezeptorenblocker waren früher bei jeglicher Angstbehandlung die erste Wahl, behandeln aber nur körperliche Angstsymptome wie Zittern oder Herzrasen. Im Vergleich mit Placebo schnitten sie aber denkbar schlecht ab. Ein entscheidender Vorteil dieser Medikamente liegt darin, dass sie bei der üblichen niedrigen Dosierung sehr gut verträglich sind.
Neuroleptika wurden auf ihre Anwendung bei sozialer Phobie noch nicht ausreichend geprüft und alles was man bisher dazu sagen kann, ist, dass sie in niederer Dosierung und schwächerer Ausführung ähnliche Wirkungen erzielen wie Benzodiazepine. Allerdings empfinden viele Patienten ihre dämpfende Wirkung unangenehm und die Angstlösung wird als geringer eingestuft als bei herkömmlichen Tranquilizern. Hochpotente (gezielt antipsychotischen) Neuroleptika werden zeitlich begrenzt eingesetzt. Für alle Neuroleptika besteht KEINE SUCHTGEFAHR.
Es existiert auch ein sogenanntes Nicht-Benzodiazepin-Anxiolytikum, das nicht abhängig macht und gerne bei generalisierten Angststörungen eingesetzt wird, doch bei der sozialen Phobie scheint es nur begrenzt zu wirken.
Antidepressiva werden am weitaus häufigsten eingesetzt, und es gibt vier verschiedene Arten davon. Eine Art davon, die trizyklischen Antidepressiva, sind auf ihre Wirkung bei sozialer Phobie noch nicht hinreichend untersucht worden.
Die Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) zeigten bisher gute Resultate, führten aber zu erheblichen Nebenwirkungen, so zum Beispiel Übelkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Ängstlichkeit, Durchfall, Potenzstörungen, um nur einige aufzuzählen.
MAO-Hemmer (Mono-Amino-Oxidase-Hemmer) gibt es in zwei Varianten, wobei die ältere davon nur noch selten eingesetzt wird, da sie eine ständige Kontrolle des Blutdrucks und eine spezielle Diät benötigen.
Die MAO-A-Hemmer hingegen sind einfacher anzuwenden und haben weniger Nebenwirkungen (Zwar immer noch algemeines Unwohlsein mit Übelkeit Schwindel, Schlafstörungen und Kopfschmerzen, aber keine Potenzstörungen).
Einen Aufschwung erleben derzeit die psychotropen Pflanzenheilmittel. Sie wirken nur sehr eingeschränkt und es ist nicht erforscht ob sie bei sozialer Phobie überhaupt wirken, sie werden dennoch gerne bei Langzeitbehandlungen oder leichten Fällen verschrieben. Das Problem mit diesen Tabletten ist, dass der Patient die Wirkung unter Umständen nicht oder nur in Form von Verdauungsstörungen zu spüren kriegt und das Medikament eigenhändig absetzt, weil eine höhere Dosierung nicht möglich ist. Man hört auch oft, dass Ärzte ihren jugendlichen Patienten diese Mittel verordnen weil sie sich scheuen etwas Stärkeres an Jugendliche abzugeben. Mitunter könnte aber genau diese Haltung weitere Schäden verursachen....
Soziale Phobie und das Internet
Das Internet bietet gute Möglichkeiten, sich mit anderen auszutauschen. Für viele Sozialphobiker ist es kein Problem, sich schriftlich mit jemandem zu unterhalten, denn was man schreibt, das kann man sich sorgfältig und ungestört überlegen, das heisst man ist geringerem Stress ausgesetzt. Dazu ist das Internet geradezu ideal. Das Internet ist auch aus anderen Gründen sehr wichtig geworden für Menschen mit sozialer Phobie: Man braucht nicht in einen Laden zu gehen, sondern kann sich Dinge nach Hause liefern lassen. Von Büchern über Mobiliar bis zu Nahrungsmitteln. Das macht das Internet auch zu einer Gefahr, denn das Vermeiden angstauslösender Situationen wird dadurch sehr leicht - der soziale Rückzug wird verstärkt! Und da ist noch eine andere Gefahr:
Soziale Phobie und die Internetsucht
Natürlich ist das Internet eine angenehme Sache, man kann schriftlich mit anderen Menschen kommunizieren, braucht dabei aber nicht Gefahr zu laufen, irgendwie negativ aufzufallen. Man kann sich ja jeden Satz wunderbar überlegen, kann alles vorher auf Rechtschreibung prüfen... Vielleicht kriegt man dann auch den Mut, einfach mal so zu sein, wie man sonst auch ist und sich nicht zu verstellen. Spätestens wenn dann die Leute im Chat doch noch mit einem reden oder einen sogar sympathisch finden, gehts einem so richtig gut, mit der Zeit sogar so gut, dass man beginnt alles vom Internet abhängig zu machen, nur noch per Internet zu kommunizieren und sich völlig von der Aussenwelt zurückzuziehen. Man kommt nach Hause und der erste Gedanke gilt dem Net... Gegessen wird vor dem Bildschirm, geschrieben nur noch Emails, Radio und Nachrichten kommen auch übers Internet. Die Kosten steigen ins Unermessliche und man fragt sich, wie man das bezahlen soll. Also versucht man, einen Tag nicht ins Internet zu gehen und erkennt seine Abhängigkeit, wird fast wahnsinnig, weil man nicht alle 3 Minuten nachgucken kann ob eine Email abgekommen ist. Die Leistungen in der Schule (oder im Beruf) gehen auf Tauchfahrt und niemand hilft einem, weil das von den anderen nicht realisiert wird... Plötzlich erkennt man, dass es Herbst ist, und es wird einem klar, dass man den Wechsel vom Frühjahr auf den Sommer nicht mitgekriegt hat, eine ganze Jahreszeit fehlt im Gedächtnis... Wenn man es dann geschafft hat, von dieser Abhängigkeit loszukommen, muss man feststellen, dass sie einen um Jahre zurückgeworfen hat. Man trägt sich mit Selbstmordgedanken und in solchen Momenten ist es wirklich, wirklich schwer sich NICHT umzubringen, weil kein einziger Grund da ist, es nicht zu tun... Da sind Schulden wegen der Telefonrechnung, die Freunde sind im Internet und somit unerreichbar, die anderen Menschen da draussen merken, dass man keine Leistungen mehr erbringt und reagieren entsprechend verächtlich darauf... In solchen Situationen erkennt man aber schliesslich seine wahren Freunde, nämlich diejenigen die fragen "Was ist los?" und die versuchen einem zu helfen. Vielleicht ist das der Grund, weiterzuleben... Jedenfalls will ich es niemandem anraten, sich zu lange und zu oft im Internet herumzutreiben, das ist genauso eine Gratwanderung wie Alkohol einzusetzen um etwas lockerer zu werden und so bestimmte Situationen besser zu meistern...
Zahlen zur sozialen Phobie
In einer Zeit in der die Nachricht auf dem Anrufbeantworter das Telefongespräch ersetzt leiden 10% der Bevölkerung Zeit ihres Lebens an sozialer Phobie. 3% davon gelten als akut behandlungsbedürftig. Warum? Die Selbstmordrate unter Sozialphobikern ist 18mal so hoch wie in der Normalbevölkerung (jeder 3. Sozialphobiker könnte es sich vorstellen, sich umzubringen bzw. denkt daran es zu tun) und 20% aller Sozialphobiker sind Alkoholiker. Dabei besteht für 80% der Betroffenen Hoffnung und sie könnten durch eine Therapie dauerhaft von ihrer Phobie geheilt werden oder es würde zumindest eine Besserung erzielt. Schon lange hat die soziale Phobie Depression und Alkoholismus auf der Häufigkeitsskala der psychologischen Probleme überholt. Ein Viertel aller Angstkranken leidet an sozialer Phobie, darunter 48% der US-Amerikaner. Damit ist die soziale Phobie auf der Rangliste der Ängste auf Platz zwei. Nur noch die Agoraphobie ist (mit etwa 600 000 Kranken nur in Deutschland) häufiger. Um zu erkennen wieviel ein Viertel ist, muss gesagt werden, dass es beinahe nichts gibt, für das es nicht auch die passende Phobie gibt. Sogar eine Gummibärenphobie existiert...
Erythrophobie
Erythrophobie bedeutet Furcht vor dem Erröten. Das Erröten selbst ist eine natürliche Reaktion des Körpers und kann verschiedene Ursachen haben. Ein Mensch kann durch körperliche Aktivität und/oder Veränderung des Atemrhythmus erröten, aber auch Fieber, Medikamenteneinnahme (und besonders die Einnahme erregungssteigernder Mittel) oder Alkoholkonsum können eine Ursache sein. Erröten kann auch die Begleiterscheinung von Gefühlen wie Freude, Aufregung, Wut, Angst oder Scham sein. Erröten bedeutet, dass die Wangenpartien einer Person ins Rötliche wechseln. Der Grund dafür ist die Ausdehnung von Blutgefässen, welche die Zunahme des Blutvolumens in der Haut verursachen. Das wird vom Betroffenen als Temperaturzunahme empfunden. Die Ausdehnungen der Blutgefässe werden vom Mediziner ''Vasodilationen'' genannt. Der Erythrophobiker hat Angst davor, im Beisein anderer Personen zu Erröten, es ist ihm peinlich. Er unterliegt dabei der fixen Idee, in bestimmten Situationen garantiert zu erröten und hat deshalb Angst vor diesen Situationen. Nun kann aber das Erröten eine Folge von Angst sein, weshalb tatsächlich die Möglichkeit besteht, zu erröten. Die Erythrophobie wird deshalb zu den sozialen Phobien gezählt, weil der Erythrophobiker befürchtet, (wegen seines Errötens) von anderen Menschen verachtet oder verspottet zu werden, und er daher ein ähnliches Vermeidungsverhalten wie Sozialphobiker anwendet. Besonders auffällig ist dabei die familiäre Sozialisation:
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Eigenschaften der Mutter: mangelnde Herzlichkeit Strenge Ängstlichkeit (Überprotektion) Ironische und höhnische Kritik am Tun der Kinder Charakteristika des Vaters: Jähzorn Strenge Repressiv Ironisch Kennzeichen innerhalb der Familie: Familie lebt von Aussenwelt abgeschirmt Den Kindern wird zu wenig Eigenständigkeit /kein Freiraum zugestattet (Es herrscht Prüderie vor , sexuelle Verdrängung) (Unterschwellige , geheime sexuelle Interessen) Vermittlung eines paranoiden Weltbildes Erziehung wird bestimmt durch: Isolation von der Aussenwelt Abstempeln des Patienten zum schwarzen Schaf oder als ''Sonderfall'' |
Vielleicht fällt es dem Leser auf, wie ähnlich diese Auflistung derjenigen im Kapitel ''Ursachen einer sozialen Phobie'' ist... Ich persönlich wage zu behaupten, dass diese Liste hier eine identische, bloss weniger wissenschaftliche Wiederholung der Letztgenannten ist. Es ist auch zu beachten, dass der Erythrophobiker, der in einer solchen Familie aufgewachsen ist, bestimmte soziale Fähigkeiten nicht erlernen konnte, das heisst er leidet an ''sozialen Defiziten''. Auch kann man darauf bauen, dass er als Kind mehrere traumatische Erlebnisse in der Familie durchmachen musste, eventuell kann man dieses auch als familiäres Mobbing bezeichnen... Der Kern der Erythrophobie ist also eine soziale Phobie. Auch der Erythrophobiker hält sich für minderwertig und empfindet das Beobachtetwerden als Gefahr. Die Angst löst bei ihm das Erröten aus und er fürchtet aufgrund dessen negativ bewertet zu werden. Die soziale Phobie scheint beim Erythrophobiker eher unbewusst zu sein, denn er interpretiert seine Angst als ''Angst vor dem Erröten'', obwohl das Erröten eigentlich die Folge sozialer Ängste ist...
Soziale Phobie oder Agoraphobie?
Bevor man die Problematik der sozialen Phobie und ihre Häufigkeit erkannt hatte, kam es oft vor, dass diese beiden Krankheitsbilder miteinander verwechselt wurden oder eine soziale Phobie nicht als solche erkannt wurde. Tatsächlich sind die Symptome einer Agoraphobie denen einer sozialen Phobie sehr ähnlich und die angstauslösenden Situationen können ebenfalls sehr ähnlich sein, aber es ist zu beachten, dass der Sozialphobiker Angst vor der Beurteilung durch andere Menschen hat und der Agoraphobiker Angst vor unvertrauten Orten, prall gefüllten Bussen oder Einkaufszentren an sich hat, nicht aber spezifische Angst vor den Menschen selbst. Die furchterregenden Situationen bei Agoraphobie sind die folgenden:
- alleine das Haus verlassen
- unvertraute Orte aufsuchen
- eine Strasse überqueren
- öffentliche Verkehrsmittel benutzen
- Einkaufszentren betreten
Bei der sozialen Phobie hat der Betroffene zum Beispiel Angst vor Beurteilung durch die Menschen in einem Einkaufszentrum und meidet dieses deshalb. Oftmals wird dann aufgrund einer Fehlinterpretation gesagt, er hätte Angst vor dem Einkaufszentrum an sich, das stimmt jedoch nicht.
Informationsquellen zum Thema Sozialphobie
Die nachfolgende Liste von Links ist nicht vollständig; weitere Webseiten können leicht via Google gefunden werden.
Schweizerische Gesellschaft für Verhaltens- und Kognitive Therapie; mit Literaturtipps:
http://www.sgvt-sstcc.ch/de/ratgeber-fuer-patientinnen/psychische-stoerungenbr-des-erwachsenenalters/soziale-angststoerung-soziale-phobie/index.html
Gesundheit Sprechstunde; Zusammenfassung des aktuellen Wissensstands:
http://www.gesundheitsprechstunde.ch/index.cfm?id=3422
Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Phobie
Selbsthilfe soziale Phobie:
http://www.sozphobie.de/
Selbsthilfe-Forum:
http://www.psychic.de/
Selbsthilfe-Gruppe in Zürich
http://www.offenetuer-zh.ch/SHG/soziale_Phobie.htm
Zeitschriftenartikel über soziale Phobie:
http://www.ktipp.ch/themen/beitrag/1018347/Leben_mit_der_Angst_vor_Menschen
Selbsthilfegruppen in Deutschland:
http://www.sozialphobie.de/
Artikel eines Wiener Psychotherapeuten:
http://www.psychotherapiepraxis.at/artikel/sozialphobie/sozialphobie.phtml
Allgemeine Informationen und Therapeutenliste:
http://www.soziale-phobie.net/
Einige Tipps zur Selbsthilfe:
http://www.psychotipps.com/Sozialphobie.html
Erfahrungsberichte:
http://www.ciao.de/Soziale_Phobie__1128857
Eher kurz gehaltene Informationen und Mailingliste
http://www.sozphobie.de/sp-info.htm
ALLES zum Thema Erröten
http://www.erythrophobie.de
Artikel über soziale Phobie
http://medi-report.de/nachrichten/2000/02/20000228-01.htm
Seite eines Facharztes, mit Selbsttest
http://www.neuro24.de/a11.htm
Angst
http://www.medicine-worldwide.de/krankheiten/psychische_krankheiten/angst.html
Die Psychoseite: Depressionen, Angst und soziale Phobie
http://www.angst-und-depri.info
Häufigkeit von Angststörungen
http://www.panikattacken.at/angst-daten/angst-daten.htm
Diese Seite
Die Seite hier basiert auf der Homepage meines Kollegen Michael (seine Seite). Zunächst möchte ich ihm herzlich dafür danken, denn es war nicht einfach, sowas zusammenzustellen. Leider habe ich den Kontakt zu ihm verloren. Es folgen nun einige Erklärungen (oder auch Andeutungen) was mich dazu getrieben hat, diese Website ins Internet zu stellen. Als ich diese Seite geschrieben habe, ging ich noch zur Schule. Inzwischen habe ich es bis an eine Universität geschafft. Abgesehen von einem kleinen Update bei dem die Links geändert wurden und auf der Hauptseite einige Themen entfernt wurden hatte sich nichts mehr getan seit dem Jahr 2000. Ich selber war ja davon überzeugt, dass die Seite längst veraltet sein müsste, aber ich bekam viele Emails von Leuten, die Hilfe suchten und/oder mir schrieben, dass sie diese Seite sehr gut und hilfreich fanden. Deshalb hatte ich mich entschlossen, meinen weiteren "Werdegang" hier zu schildern. Wenn es auch nur einer einzelnen Person hilft oder Mut macht, dann hat es sich schon gelohnt. Ich habe mich entschlossen, nichts an der ursprünglichen Seite zu ändern und stattdessen einfach am Ende diesen Kommentar einzufügen (der glaube ich fast länger ist als die Seite selber).
Persönliche Erfahrungen
Vorgeschichte:
Welche Behandlungsmethoden habe ich ausprobiert? Wenige! Ich wurde von der Schule zum Psychiater geschickt. Eigentlich stand das nicht in der Macht der Schule so etwas zu verlangen, aber meine Eltern haben eingewilligt damit man mich nicht von der Schule "wirft" (nicht offiziell sondern mit rausekeln). Ob man ihnen damit gedroht hat oder ob diese Angst unbegründet war, weiss ich nicht. Es ist nicht mein Ding hier dreckige Wäsche zu waschen, einiges ist vielleicht nicht ganz sauber gelaufen, aber das ist vorbei... Jedenfalls wurde ich schon als kleines Kind zum Psychiater geschickt und dann nach etlichen Jahren landete ich wieder in derselben Praxis. Und was früher nicht geholfen hat, hat auch beim zweiten mal nicht geholfen. Hatte damit zu tun dass für meinen Psychiater das Krankheitsbild "soziale Phobie" nicht existierte. Mir wurde stattdessen gesagt, dass meine einzigen Probleme mein Gewicht/Aussehen und meine Eltern seien. Früher hätte ich das als Lüge bezeichnet, aber es ist teilweise schon wahr. Ich brauche mehr Selbstbewusstsein, zu erreichen durch eine äusserliche Veränderung, und ich muss mich von meinen Eltern lösen, die alles für mich machen so dass ich mich der Welt nicht auszusetzen brauche. Das sind zwei Dinge, die den Kampf gegen die Krankheit entscheidend erleichtern. Mir wurden auch Tabletten angeboten, aber ich habe mich geweigert, sie zu nehmen. Ich habe in meinem Umfeld zu viele Leute gesehen die durch solche Tabletten zu völlig anderen Menschen wurden und für mich wäre es ein Eingeständnis meines eigenen Versagens gewesen in dieser Welt nicht überleben zu können ohne mich mit Tabletten "richtig einzustellen". Für jemand anderen können Tabletten sicher eine grosse Hilfe sein und heute ist es vielleicht auch nicht mehr ganz so schlimm mit den Persönlichkeitsveränderungen, aber für mich war das einfach der falsche Weg. Etwas, das mir sehr geholfen hat, war, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Jede Verletzung meiner Seele und jedes Flashback das sich daraus ergab habe ich in einem kleinen Buch niedergeschrieben und konnte so das meiste davon verarbeiten. Seither habe ich meine Vergangenheit sozusagen archiviert und grösstenteils vergessen. Die Flashbacks aus diesen Zeiten bleiben seither aus. Das war meine persönliche Idee, sie kam mir irgendwann einfach so in den Sinn und hat geholfen. Ich habe auch keine Selbsthilfebücher gelesen, früher kam ich nicht an sie heran und heute brauche ich sie nicht mehr. Ich habe nur in letzter Zeit ein paar generelle Bücher gelesen, nämlich "Sorge dich nicht - lebe!" von Dale Carnegie, "So bin ich unverwundbar" von Barbara Berckhan und "Anleitung zum Unschuldigsein" von Florian Illies. Ob man diese Bücher gut findet oder eher nutzlos ist Geschmackssache, Vieles was drinsteht weiss man ja im Prinzip schon, aber das Buch ist ein guter Weg sich das nochmals bewusst zu machen und irgendwas kann man meistens rausziehen und anwenden. Soweit zu der Vorgeschichte. Ich versuche nun zu beschreiben (damit man sich das ganze besser vorstellen kann schreibe ich meist im Präsens), was in den letzten Jahren mit mir passiert ist betreffend meiner Krankheit.
Bestandsaufnahme: Das Jahr 2000
Ich stecke gerade mitten im Gymnasium. Es ist die Hölle. Ich gehe morgens zu Fuss zur Schule (schätze, es waren so 1,5 km), weil ich die Leute im Bus nicht ertrage. Vorträge sind die Hölle, ich kriege weiche Knie und mir wird schlecht. Worte können es nicht beschreiben. Aber das absolute Schlimmste ist das Abfragen. Wenn man aufgerufen wird und Wörtchen abgefragt wird, das sind Todesqualen. Meine Zähne klappern, das Blut weicht aus meinem Gesicht und verkriecht sich in den Füssen. Mein Blick wird starr und aus meinem Mund kommt sinnloses Gebrabbel. 10 Stunden Lernen reichen nicht aus, und wenn ich die Wörter noch so gut kann, beim Abfragen sind sie alle weg. Panisch jagt der Blick durch die Bankreihen. War da ein Grinsen? Hat da einer gelacht oder war es nur ein Husten? Wenn ich Glück habe gibt der Lehrer nach und lässt mich in Ruhe. Wenn ich Pech habe werde ich eine ganze Stunde lang gequält und es setzt Tadel, weil ich "nicht genügend gelernt" habe. Meine Noten in den schriftlichen Prüfungen reden eine andere Sprache, doch in den Schulstunden bin ich ein debiler, sabbernder Idiot den man entweder abschreibt oder zur allgemeinen Belustigung quält. Vielleicht nicht absichtlich, aber darauf lief es nuneinmal hinaus, damals. Ich mache niemandem einen Vorwurf, die Leute wussten es nicht besser. In meiner Freizeit sitze ich vor dem Computer oder lerne. Freunde? Keine richtigen. Klar, Schulkollegen die man in der Schule sieht. Aber niemand, mit dem man sich nach der Schule trifft. Es gibt auch Lichtblicke. Ich hatte in der Unterstufe einen netten Lehrer kennengelernt, mit dem ich mich gut verstehe und wenigstens ein bisschen reden kann. Meine völlige Unfähigkeit eine normale zwischenmenschliche Beziehung aufrecht zu erhalten macht mir und jedem anderen der das Pech hat, sich mit mir abgeben zu müssen, das Leben unweigerlich zu einem Alptraum. Jede Zuckung eines Gesichtsmuskels meines Gegenübers, jede Laune, jedes Zögern bei der Aussprache eines Wortes lege ich gleich als feindliche/ablehnende Handlung mir gegenüber aus. Wer mein Freund sein will, muss mir das sozusagen jeden Tag beweisen, aber kein Beweis ist gut genug, so dass ich nach ein paar Minuten bis Stunden Bedenkzeit sofort wieder denke "Das war doch nur wieder eine Lüge/Verarsche/usw." Jedes Geräusch in meiner Umgebung, das entfernt einem Lachen ähnelt, beziehe ich sofort auf mich, und wer selber zur Schule geht weiss, dass überall gelacht wird... Ich weiss heute selber nicht, wieviel davon Einbildung war.
Die Situation verkompliziert sich: 2001
Meine schulischen Leistungen gehen bachab. Kein Wunder, weil bei gewissen Lehrern die mündliche Leistung 3/4 der Note ausmacht. Weil ich dadurch genötigt bin, in jeder schriftlichen Prüfung eine 6 (schweizer Notensystem, nicht vergessen...) zu schreiben, steigt der psychische Druck ins Unendliche. Und schlussendlich zerbreche ich daran und auch meine schriftlichen Leistungen werden in einigen Fächern (allen ausser denen, wo das Mündliche nicht/kaum zählt) bedrohlich schlecht. Nicht, dass ich je gefährdet gewesen wäre, von der Schule zu fliegen, dafür waren die restlichen Noten zu gut, ich konnte schon ein paar Tiefpunkte kompensieren. Aber mein Ehrgeiz bringt mich fast um. Die zweitbeste Note ist die Note des ersten Verlierers, eine 5 ein Ärgernis, und ich habe gelernt bis zum Umfallen. Bis man mich ins Bett tragen musste, bis mein Kopf so überladen war, dass ich kaum mehr einen vernünftigen Satz rausbringen konnte. Ich fühle mich krank und liege auch alle 2 oder 3 Wochen wieder mit Grippe im Bett. Wenn ich dann da bleibe. Meistens gehe ich aber auch mit hohem Fieber noch zur Schule. Es wird immer schwieriger für mich. Die Zeit der individuell wählbaren Bücher beginnt. In mehreren Fächern dürfen wir selber wählen, welche Bücher wir lesen wollen - müssen diese dann aber auch selber besorgen. Ein Horror. Bestellen übers Internet geht nicht, weil da alles nur mit Kreditkarte läuft und die habe ich nicht. In gewöhnlichen Buchgeschäften stehen solche Bücher auch nicht rum, also ist zwangsläufig persönlicher Kontakt mit einem Verkäufer notwendig. Und dann auch noch ausgerechnet persönlicher Kontakt mit einem Verkäufer in einer Spezialbuchhandlung in der Stadt, die ich wann immer möglich gemieden habe. Wenn ich mal das Haus verlasse, dann habe ich immer meine Eltern dabei, alleine wohin zu gehen ist undenkbar. Ziemlich ratlos beschloss ich damals, mein Problem dem Lehrer zu verkünden, mit dem ich immer so gerne rede (eigentlich ist diese Umschreibung eine Beleidigung für die vielen guten Gespräche die wir hatten - tut mir leid). Aber selbst nach zehn Minuten verstockten Herumdrückens brachte ich nur heraus "Ich hab Angst vor Telefonieren und Gesprächen und so. Schon seit meiner Kindheit..." Er hat das wohl nicht so ganz verstanden, dachte ich, ich meine, die ganze Tragweite der Sache war aus dieser primitiven, wenig aussagekräftigen Äusserung auch nicht abzulesen. ,,Tja, da musst du aber an dir arbeiten.'' sagte er. Ich habe ein paar Stunden später nochmals versucht, es ihm zu erklären. Wir kannten uns in diesem Moment schon seit 4 Jahren und er hatte keine Ahnung davon, dass ich an so einer Krankheit litt. Ich hätte es ihm gerne früher gesagt, aber ich war ja schon jetzt kaum in der Lage, es in gescheite, für einen normalen Menschen verständliche Worte zu fassen. Er blockte mehr oder minder ab und liess sich dazu nicht viel mehr als ein "Du darfst dich nicht isolieren!" abringen. Zum Glück belastete das unsere Freundschaft aber nicht weiter, um das Thema wurde einfach ein Bogen gemacht und es ging so weiter wie zuvor. Abgesehen davon, dass er mich wegen meines inzwischen fortgeschrittenen Alters schliesslich siezte.
Der Wendepunkt: 2002
Nach einem Jahr dachte ich ehrlich gesagt, mein Kollege der Lehrer hätte das Ganze vergessen. Aber dem war nicht so. Ziemlich genau ein Jahr nach meinem "Coming out" sprach er mich darauf an. "Ja, ich weiss ja nicht, aber Sie haben entweder in Geographie, Geschichte oder sonst einem Fach eine Mündlichmatur, und in den Sprachfächern auf sicher, und, mh, ich möchte nicht, dass...'' begann er. Ich verstand, was er mir sagen wollte. "Wenn da der Schüler plötzlich vorne steht und seine Stimme zum ersten Mal hört, mh....'' brachte er heraus. Es fällt mir ziemlich schwer, hier nicht weiter auf diese zugegeben etwas seltsam anmutende Freundschaft einzugehen. Kein anderer Mensch hat soviel für mich getan wie er und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Aber ich denke, der genaue Wortlaut sollte unter uns bleiben. Er erzählte mir, dass er früher auch einmal ähnliche Probleme hatte. Er konnte es also nachempfinden. Er unterrichtete zu dieser Zeit gerade meine Klasse in einem der Fächer wo das Mündliche nicht so drastische Auswirkungen hatte. Mir war klar, dass er eine Konfrontationstherapie machen wollte, und mir war auch klar, dass es entweder jetzt, mit der Hilfe eines der wenigen Menschen, die meine Situation verstehen, klappen wird oder gar nie. Zumal ich ihm vertraute (sofern ich jemals in der Lage war, zu vertrauen). Deshalb habe ich zugesagt. "Es soll einfach nicht zur Quälerei werden, ich möchte nicht, dass negative Gefühle aufkommen.'' stellte er klar. Er fragte auch nach der Ursache meiner Krankheit. Ich brachte es nicht übers Herz, es ihm zu erzählen. Es ging einfach nicht, und es tut mir heute noch unendlich leid, dass ich ihm mein Vertrauen auf diese Weise nicht beweisen und es ihm erzählen konnte. Auch diese Geschichte würde Bücher füllen. Aber immerhin brachte ich etwas anderes heraus: "Inzwischen ist mir die Meinung fremder Menschen zwar ziemlich egal, aber es war eigentlich schon immer so, dass ich die Meinung von jenen Menschen, die mir sehr nahe stehen, am meisten gefürchtet habe. Das ist auch jetzt das Problem...'' erklärte ich. Ich frage mich heute noch, ob ihm klar war, dass er dabei ziemlich im Zentrum stand. Ich hatte inzwischen immerhin den Fortschritt gemacht, dass ich mich in einem Einkaufszentrum bewegen konnte ohne die Leute um mich herum als Bedrohung wahrzunehmen. Die Blamage vor Leuten, die mich kennen, das war hingegen immer noch eine angstauslösende Vorstellung. Und so begann er also, mich in den Stunden immer öfters aufzurufen. Zuerst bei ganz einfachen Sachen, dann wurden die Fragen schwieriger. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube er hat auch mit den anderen Lehrern gesprochen. Ich lernte, Texte vor der Klasse vorzulesen ohne dass mir der Mund ausdörrte und ich zu stottern begann. Ich lernte, Antworten auf gestellte Fragen in sekundenschnelle zu improvisieren und ich konnte nach fast einem Jahr auch Vorträge mit deutlich weniger Angst bewältigen. Wie auch immer, es wäre nicht möglich gewesen ohne sein Einfühlungsvermögen, er ist sehr vorsichtig vorgegangen und hat mich nie überfordert. Das hat mir langsam aber sicher Vertrauen in meine Fähigkeiten gegeben. Wenn ich einen guten Tag hatte, meldete ich mich von alleine (gewissen Lehrern blieb es aber trotzdem die ganzen 6 Jahre lang versagt, meine Stimme zu hören). Aber die ultimative Feuertaufe stand meiner wiedergefundenen Lebensqualität noch bevor.
Ein grosser Schritt vorwärts: 2003-2005
Die Feuertaufe war natürlich die Matura. Und dabei speziell die mündlichen Prüfungen. Vor der ersten mündlichen Prüfung war ich ganz schön am Ende, ich hab geflennt wie ein kleines Kind und gezittert vor Angst. Aber als ich sie hinter mir hatte, da hatte ich in diesem Raum einige Sachen von mir gegeben, die sogar richtig waren. Bei den nächsten Prüfungen wurde meine Performance besser. Ausser bei den Fächern, die ich sowieso nicht so gut mochte (gewisse Sprachen). In Bio schaffte ich die 6. Das muss man sich mal vorstellen, jemand der noch vor einem Jahr vor lauter Angst kaum in der Lage war auf eine Frage eine vernünftige Antwort zu geben schafft an der Mündlichmatura eine 6. Aber nicht nur, dass ich diese Feuertaufe bestanden habe, es ging gleich nahtlos weiter. Ich begann, Arzttermine selber per Telefon zu vereinbaren, ich lernte, im Laden etwas zu kaufen ohne dass meine Mutter daneben steht. Irgendwie schien alles möglich. Ich erinnerte mich an einen Kindertraum und beschloss, dem nachzugehen und so kam ich zu meinem Studium. Ich wusste, die Chancen stehen schlecht, weil ich den falschen Maturtypus habe und erst noch ziemlich schlechte Noten in den wichtigsten Fächern, aber ich wollte einfach nicht mehr den Weg des geringsten Widerstands gehen. Ich habe einfach weitergemacht, laufend die scheinbar endgültigen Grenzen von früher überschritten. Es ist ein komisches Gefühl. Man geht in den Laden und hat gleich dieses miese Gefühl, dass einen alle anstarren. Dann sucht man sich die CD oder was auch immer man haben will im Regal, wird dabei vielleicht noch von jemandem angestossen oder muss zeitweilig an ein anderes Regal gehen, weil einem die Leute zu dicht auf die Pelle rücken. Wenn man die CD dann hat, kriegt man dieses mulmige Gefühl, das einer Konfrontation mit der Kassiererin vorausgeht. Man überlegt kurze Zeit, ob man es nicht lieber lassen soll und geht dann entschlossen zur Kasse. An einem guten Tag schaffe ich es, die Kassiererin anzulächeln und ihr vielleicht sogar in die Augen zu sehen. Es hatte bei mir viele Jahre gebraucht bis ich wieder jemandem in die Augen sehen konnte. An einem schlechten Tag kommt mir kein Wort über die Lippen und ich starre eisern auf den Boden. Aber es geht. Ich mache Fortschritte. Volle Läden an Samstagen machen mich heute nur noch nervös, aber Panik kriege ich keine mehr. Die anderen Leute sind für mich eigentlich nicht da, ich blende sie aus. Ich sehe ihre Bewegungen (die Hektik ist ja das, was nervös macht), aber ich nehme nicht mehr jeden einzelnen von Ihnen als Persönlichkeit wahr, die eine gute Meinung von mir haben muss und die meine Bewegungen und Taten beurteilt. Und so bin ich dann auch ins Studium gestartet. Es gab viel, das organisiert werden musste, viel behördlicher Kram, der einem den letzten Nerv raubt. Das Vorsprechen an irgendwelchen Schaltern wurde schon fast zur Routine. Und ich habe nicht nur den behördlichen Kram sondern auch die Basisprüfung (samt mündlicher Prüfung) geschafft. Natürlich war das nicht nur eitel Sonnenschein. Ich habe das ganze erste Jahr über nie geglaubt, dass ich überhaupt eine Chance habe, die Prüfung zu bestehen. Aber es ist passiert. Die Zahl derer, die durchgekommen sind war im einstelligen Bereich und ich war dabei. Ich habe vor der Prüfung zu mir gesagt "Wenn du das packst, dann brauchst du vor gar nichts mehr Angst zu haben. Wenn das möglich ist, dann ist wirklich alles möglich." Ich habe also meine Fahrprüfung gemacht, habe die Basisprüfung überstanden und nun ist es Zeit für eine neue Bestandsaufnahme.
2005: Getane Arbeit oder lebenslange Übung?
Die Sache mit der Angst ist eine Sache mit der Überwindung. Es ist dasselbe, wie wenn man ein rotglühendes Eisen sieht, sich den Schmerz vorstellt, den eine Berührung damit auslöst, und dann noch in der selben Sekunde drangreift. Für mich haben diese beiden Dinge viel miteinander zu tun. Viele haben als Kinder vielleicht Mutproben mitgemacht, wo man irgendwo herunterspringen musste oder eine Zigarette in der Hand ausdrücken oder sonst ein Unsinn. Der Trick dabei ist, den Kopf auszuschalten. Das ist vielleicht das einzige, was man von "Jackass" lernen kann. Ich selber hatte schon als kleines Kind die Gabe, die Angst vor dem Schmerz so austricksen zu können. Ich sehe mir die Situation an, halte die Luft an und tue es dann ganz einfach, ohne nachzudenken. Diesen Mechanismus habe ich auch genutzt um meine Angst zu überwinden. Wann immer ich dieses Gefühl gekriegt habe, doch lieber einen Rückzieher machen zu wollen, dann habe ich aufgehört nachzudenken und einfach die Sache durchgezogen. Hinterher habe ich oft gedacht "Verdammt, du hast dich benommen wie ein Idiot!" oder solches Zeug. Dann habe ich es einfach gleich wieder vergessen. Ich habe inzwischen praktisch keine Flashbacks mehr, nur noch in kritischen Phasen verfolgen mich meine ungeschickten Handlungen in Flashbacks und ich möchte am liebsten den Kopf gegen die Wand schlagen um diese peinlichen Erinnerungen wegzumachen. Es ist leider nicht so einfach, zu vergessen dass man sich wie ein Vollidiot benommen hat, jedenfalls für mich nicht. Dazu müsste man akzeptieren können, dass man Fehler macht und nicht immer alles optimal laufen kann. Aber eben, die kritischen Phasen. Man muss sich seiner Krankheit bewusst sein, man muss sich selber fragen "Warum benehme ich mich jetzt so seltsam, warum habe ich Angst?". Es passiert mir oft, dass ich kurz davor bin wieder in die alten Verhaltensmuster zu verfallen, und dann muss der Verstand eingreifen. Es muss eine Alarmglocke im Kopf sein die sofort losschrillt. In diesem Sinne bin ich auch nicht geheilt, ich habe es bloss unter Kontrolle gebracht. Aber das harte letzte Jahr hat Spuren hinterlassen. Ich habe angefangen, an meiner Lebensweise zu zweifeln. Der schwere Schock der Basisprüfung hat mich aus meiner kleinen eigenen Welt vertrieben und ich kann nie wieder zurück. Früher habe ich mich ausschliesslich über meine Noten definiert. Also über die Meinung anderer Leute. Und das habe ich so satt. Ich habe jetzt ein Jahr lang versucht in einem Umfeld von hochintelligenten Leuten gute Noten zu schreiben. Diese Leute mussten kaum einen Finger rühren um durchs Studium zu kommen, für mich war es ein Todeskampf der mir fast die gesamte Lebenskraft entzogen hätte. Das Resultat war, dass ich fallengelassen wurde weil ich mir ja offensichtlich keine Mühe gegeben habe. Das Leben ist unfair, ich musste kämpfen, um überhaupt durch die Prüfung zu kommen und kriege noch Schelte weil ich schlechter bin als die anderen die praktisch nicht arbeiten mussten (ich bin ein schlechter Verlierer, ich weiss). Ich musste mir Beleidigungen anhören, die mich früher in den Selbstmord getrieben hätten. Aber das funktioniert nicht mehr. Das einzige, das heute noch passiert, ist, dass ich den Respekt vor den Mobbern verliere. Mein ganzes früheres Leben ist quasi sinnlos, hinfällig geworden. Aber das ist gut so, denn letztlich war diese Einstellung, dass es Zuneigung nur als Lohn für gute Noten gibt und nur der Beste etwas wert ist, eines der Krebsgeschwüre in meiner Seele die meine soziale Phobie mitgetragen haben. Ich stehe also gerade am Beginn eines neuen Lebens. Ich fange an, die Menschen anders zu sehen. Zum Beispiel gehe ich nicht gerne in Restaurants. Warum? Weil ich jedesmal vom Kellner blöd angemacht werde. Ob in einer Frittenbude oder in einem Nobelrestaurant, ich werde geduzt, unhöflich bedient (oder ganz ignoriert) und angebrüllt wenn ich einen Geldschein gebe anstatt Kleingeld. Früher war das für mich normal, denn ich war ja nur menschlicher Abfall und hatte sowieso nichts in einem Restaurant zu suchen. Hinter einem Auto kauernd ein Sandwich runterzuschlingen war ja noch zu gut für mich. Aber heute finde ich das nicht mehr OK. Ich bin der zahlende Gast und ich habe ein Minimum an Respekt verdient. Leider wissen das die Leute noch nicht. Wenn man kein Selbstbewusstsein hat, dann riechen die Leute das und sie tun dann alles um einen zu demütigen. Dagegen hilft entweder ein dickes Bankkonto (dann hat man auch ganz plötzlich viele "Freunde") oder ein beeindruckendes Äusseres. Klingt oberflächlich und blöd, ist es auch, aber der grösste Makel, der mein Selbstbewusstsein bedroht ist nun einmal mein Aussehen. Wenn das eigene Gewicht sich bedrohlich der Körpergrösse in Zentimetern nähert, dann passt man nicht nur nicht mehr in die Stühle in den Restaurants sondern auch nicht mehr in die Gesellschaft - und das wird einem bei jeder Gelegenheit klargemacht. Ich habe früher immer gedacht, ich hätte sowieso keine Chance abzunehmen und Muskeln aufzubauen. Aber, zur Erinnerung, alles ist möglich. Deshalb habe ich jetzt mein Leben geändert. Ich ernähre mich gesünder, habe angefangen mit Kardiotraining. Und ich habe einen genauen Plan, was ich erreichen will. Ich bin nicht sauer, wenn ich am Ende immer noch 20 Kilo über dem Idealgewicht bin, ich bin schon von der Statur her kein Supermodel sondern eher Möbelpacker. Kernaussage des ganzen Geschreibsels oben ist, dass man lebenslänglich üben muss, um als Sozialphobiker einigermassen normal unter Menschen leben zu können. Sobald man wieder in die alten Mechanismen verfällt ist Schluss. Hilfreich bei der Bekämpfung der sozialen Phobie wäre es bestimmt, negative Lebenseinstellungen zu ändern (aber hier hilft meistens nur die Erfahrung und eine gewisse Reife, um die alten giftigen Ansichten loszuwerden) und mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen. Dazu eignet sich Sport sicher in mehrfacher Hinsicht, er gibt Vertrauen ins eigene Können (z.B. Körperbalance, sicheres Gehen!) und verbessert das Aussehen. In unserer oberflächlichen vom Schönheitswahn vergifteten Welt ist das Aussehen sicher das grösste Problem fürs Selbstbewusstsein, aber ich glaube nicht, dass eine Schönheitsoperation das Problem löst. Letztlich geht es wohl nur darum, ob man sich selber so akzeptieren kann wie man ist.
Wie Phönix aus der Asche; oder wie man aus einer Katastrophe einen Lottogewinn macht. Die Jahre 2006-2008
Inzwischen hat sich viel getan. Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll. Also, ich bin dann irgendwann durch einen Prüfungsblock gefallen. Es war der „Schicksalsblock“ in meinem Studienfach; kein Prüfungsblock hat soviele Träume und Hoffnungen zerstört und soviele Studenten ihr Studium gekostet wie dieser. Ich hatte versucht, mich irgendwie durchzuschleppen, mit 12 Stunden büffeln pro Tag, 7 Tage die Woche. Das reichte knapp für die 4.0; aber irgendwann hat es nicht mehr gereicht. Ich war am Ende. All die schlimmen Vorstellungen, die ich mir gemacht hatte, waren plötzlich real. Ich hatte das Gefühl, mein Leben sei zu Ende. Ich dachte, wenn all das Lernen nicht reicht, wie soll es dann im zweiten Anlauf klappen? Ich war kurz davor, aufzugeben. Wirklich kurz. Für meine Mitstudenten war ich endgültig Luft. Aber es gab auch Menschen, die mich nicht aufgegeben haben. Allen voran natürlich mein ehemaliger Lehrer, mit dem ich immer noch regelmässig Kontakt habe. Während er für mich in gewisser Weise eine Vaterfigur ist, habe ich an der Uni auch „Geschwister“ gefunden. Ich habe eine enge Freundin, die wie eine Schwester für mich ist. Sie ist auch ein Mensch mit Vergangenheit und mit ihr kann ich über Dinge reden, die sonst keiner von uns jemals laut äussern würde. Manchmal sassen wir nächtelang zusammen und haben geredet, und wir wurden nicht müde uns gegenseitig zu versichern, dass das Leid des anderen grösser ist als das eigene Leid. Wir hatten beide Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, nur aus verschiedenen Ursachen, und jemanden zu haben der diese Gefühle kennt und nachvollziehen kann, das war eine gewaltige Erleichterung. Nun, mir ging es irgendwann besser (und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es auch meiner Freundin irgendwann besser gehen wird!). Dass es mir besser ging lag an meinen neugewonnenen Brüdern. Eigentlich bin ich ja Einzelkind, ich wollte keine nervtötenden Geschwister – Stattdessen habe ich jetzt auch noch zwei „Brüder“, die mein Leben total auf den Kopf stellen, notabene ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen. Beide habe ich etwa gleichzeitig kennen gelernt, kurz nachdem das mit dieser Prüfung schiefgelaufen ist. Beide haben mich unter ihre Fittiche genommen, ohne sich gegenseitig zu kennen. Die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein. Der eine ist ein ziemlich verschlagener Kerl, der vorgibt, ein Eisblock zu sein. Die Tour habe ich auch schon eine Zeit lang versucht, daher durchschaue ich ihn und weiss natürlich, dass es nicht stimmt. Seine wichtigste Eigenschaft ist, in jeder noch so schlimmen Situation objektiv zu bleiben und die einfachstmögliche Lösung zu finden. Wenn ich wegen irgendetwas in Panik gerate, brauche ich nur wenige Minuten mit ihm zu sprechen, und dann sehe ich wieder klar. Das Problem mit unserer Uni ist, dass man in den Vorlesungen nichts darüber lernt, wie man wissenschaftlich arbeitet. Was ich übers wissenschaftliche Arbeiten weiss, habe ich von meinem grossen Bruder gelernt. Und durch ihn habe ich es 3-4 Jahre vor meinen Mitstudenten gelernt. Das hatte natürlich Konsequenzen, war wie ein Nachbrenner für meine “Karriere“, aber dazu später. Bruder Nummer 2, nennen wir ihn einfach den kleinen Bruder (was sich auf sein sonniges Gemüt bezieht und nicht auf sein Alter), ist ganz anders. Redegewandt, aalglatt, immer mit einem Lächeln unterwegs. Und enorm einfühlsam. Wenn er auch vermeidet, andere Menschen an sich heranzulassen (ich weiss kaum etwas über ihn!), er hat ein gutes Händchen dafür, mit Menschen umzugehen. Als er mich kennen lernte, hat er gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt, und er wollte verstehen, wieso ich in bestimmten Situationen so komisch reagiere. Er hat keine Ruhe gegeben, da er von Natur aus sehr neugierig ist. Und so nach und nach habe ich mich etwas geöffnet. Ich war damals in einer schwierigen Phase, muss man dazu sagen. Die Unterstützung, die ich durch meine quasi adoptierte Familie erhalten habe, hat mich also erfolgreich davon abgehalten, mein Studium abzubrechen. Da ich nun aber nicht mehr gemäss dem Studienreglement studierte, war ich selber dafür verantwortlich, was ich wann mache. Ich musste Verantwortung übernehmen, auch für diesen unschönen Makel des länger dauernden Studiums. Ich habe ein Jahr wiederholt und dabei praktische Erfahrungen gesammelt (unendlich viel wertvoller als schneller abzuschliessen!). Ich konnte für längere Zeit an einem Projekt arbeiten und so die gelernten Arbeitsmethoden vertiefen, und ich schaffte es, durch eine telefonische Bewerbung eine Praktikumsstelle in einer Firma zu bekommen, in der ich schon immer arbeiten wollte (ich brauche wohl nicht zu sagen, wie schwierig es für mich war, zum Telefonhörer zu greifen). Das war Öl in ein sich entwickelndes Feuer gegossen, gewissermassen, denn mein Industriepraktikum verhalf mir zu ganz neuem Selbstvertrauen. Ich hatte dort einen “Lehrmeister“ der mich wie einen Lehrling ausgebildet hat; vor allem in handwerklichen Dingen, die man an der Uni nicht lernt. Die Zeit, die ich wie ein normaler Lehrling verbracht habe, war sehr prägend für mich. Ich habe hinterher angefangen, mir selber noch mehr handwerkliche Dinge beizubringen, Sachen von denen ich früher immer dachte, dass ich das sowieso nicht machen könnte (als Frau oder weil es gefährlich ist oder wieso auch immer). Begleitet wurde das Ganze von einer Psychotherapie der anderen Art. Mein “kleiner Bruder“ schaute sich nämlich all meine Projekt-Berichte an und sprach sie mit mir durch. Jedesmal wenn ich einen Grund anführte, warum mein Werk schlecht ist, hat er mir ein Gegenargument gegeben, warum es gut ist. Im Nachhinein betrachtet ist das ziemlich seltsam, normal müsste das umgekehrt laufen. Aber der richtige Durchbruch kam, als ich ihm von meinen Ängsten erzählt habe. Er wollte von mir, dass ich an ein Kolloquium mitkomme. Ich als Student soll also mit einem Haufen Doktoranden einen Vortrag anschauen gehen und danach einen Apéro durchstehen. Die blosse Vorstellung erzeugte bei mir Schweissausbrüche. Das angestarrt werden („Was will der Student hier?“), vor anderen Leuten zu essen… Mein Gott; und da er ein Nein nicht ohne Grund akzeptieren kann, musste ich ihm reinen Wein einschenken. Nun, das Schlimme an Bruder Nummer 2 ist, dass er einen Hundeblick draufhat, mit dem er jeden weich kriegt. Ich habe also versprochen, ans nächste Kolloquium mitzugehen. Inzwischen denke ich, dass er mich reingelegt hat. Das nächste Kolloquium war nämlich ein ganz Grosses, mit international bekannten Gästen, und der ganze Saal war voll mit Professoren! Ich fühlte mich furchtbar unwohl, und als es zu Ende war, habe ich mich beim Apéro zuerst einmal in eine Ecke verdrückt und einen Plan ausgearbeitet, wie ich von da am elegantesten wegkomme. Mir war klar, dass ich dazu zu ihm hinübergehen und mich verabschieden musste, so will es der Anstand. Natürlich war er nicht einverstanden mit meinem Plan, mich schleunigst von der Veranstaltung zu entfernen… Er hat mit mir geredet, bis ich mich etwas wohler gefühlt habe, dann ist er ein bisschen in meiner Nähe geblieben. Das hat mir sehr geholfen. Ich bin danach an jedes Kolloquium gegangen, das sich anbot, und ich hatte mich bald daran gewöhnt, so dass ich nicht mehr ständig hinter ihm herumlungern musste um mich wohl zu fühlen. Gespräche habe ich aber trotzdem nie angefangen, das kam mir immer noch seltsam vor. Aber immerhin, ich konnte mich in einem Menschengewühl bewegen ohne Panik zu bekommen und vor allem ohne den Gedanken „Was tue ich hier? Ich gehöre hier nicht hin!“ Ein grosser Fortschritt. Da Bruder Nummer 2 Physiker ist, lag der Gedanke nahe, mit allen zukünftigen Studienproblemen in diesem Bereich an seine Türe zu klopfen. Und er hat sich auch immer Zeit genommen, mir alles zu erklären. Einmal aber sagte er, er könnte das jetzt nicht erklären und nannte mir einen Namen. Ich sollte mich an eine mir unbekannte Person wenden. Er wollte, dass ich da einfach vorbeigehe und einen für mich Fremden um Rat frage! Unvorstellbar! Ich brauche schon Jahre, bis ich jemandem den ich kenne eine Frage stellen kann… Aber: Hundeblick. Ich hatte keine Chance. Ich brauchte zwei Tage um mich emotional darauf vorzubereiten, dann habe ich das schweren Herzens getan. Es hat sich genau gleich angefühlt, als ob ich zu einer Mündlichprüfung gegangen wäre, dieselbe Angst, das miese Gefühl im Magen. Aber dieser Doktorand (inzwischen auch ein Freund von mir) war sehr nett und hat mir alles erklärt. Er wusste ganz genau, wo ich Probleme habe und war darauf vorbereitet. Auch wenn er sich am Ende nicht verplappert hätte, mir war schon klar, woran das lag… Brüderchen hat (mal wieder) ein abgekartetes Spiel mit mir gespielt. Das war geplant! Zuerst war ich wahnsinnig wütend. Für mich war das wie ein Treuebruch, wenn jemand herumerzählt, dass ich irgendetwas nicht verstehe. Aber mir wurde schlagartig klar, warum er das getan hat, nämlich um mir zu helfen. Es kam aber noch schlimmer. Schritt für Schritt. Irgendwann wurde natürlich das nächste obligatorische Projekt fürs Studium fällig (Semesterarbeit). Und ich habe mich dafür entschlossen, es bei meinem “kleinen Bruder“ zu machen. Bis dato hatten wir uns viel unterhalten und kannten uns recht gut, aber ich hatte wenig Ahnung davon, womit er sich im Detail beschäftigt und was für Leute er um sich hat. Nun, ich fühlte mich sofort wohl in dieser Gruppe, seit dem Industriepraktikum war es das erste mal, dass ich mich irgendwo zu Hause gefühlt habe. Und ich wurde gefordert. Entgegen dem üblichen Verfahren hatte ich weitestgehend freie Hand was meine Arbeit betraf. Ich durfte selber entscheiden. Ich MUSSTE selber entscheiden. Dafür musste ich doppelt so viele Vorträge machen wie normal. Vorträge, davor hatte ich immer noch die nackte Panik. Auch heute noch, wenn ich lange keinen mehr gehalten habe. Von meinem ersten Bruder habe ich gelernt, wie man hervorragende Vorträge macht, inhaltlich war es nie ein Problem. Mein zweiter Bruder dagegen ist ein Showtalent. Er schafft es, das Publikum zu begeistern, mit seinem Charme, seinem Verstand und seinem Auftreten. Das ist genau das, was meinen Vorträgen fehlte, eine andere, möglichst fotogene Person, die sie präsentiert. Da das nicht möglich war, musste ich mich selber ändern. Ich habe meinem zweiten Bruder ausgiebig zugesehen. Und mir ist aufgefallen, dass auch er nervöse Phasen hat vor Vorträgen. Ausser mir merkt es irgendwie keiner, aber ich erkenne die Anzeichen; er hat sie nur noch, wenn hohe Gäste oder mehr als 300 Leute im Saal sind. Zu Beginn meines unfreiwilligen, von ihm verordneten Vortragstrainings kam er vor den Vorträgen vorbei um seelischen Beistand zu leisten. Ihm fiel es manchmal schwer, nicht nachzugeben und die Übung abzublasen wenn ich kurz davor war, loszuheulen, das habe ich ihm irgendwie angesehen. Er ist hart geblieben, und am Ende hat es sich ausgezahlt! Es ist nicht so, dass ich jetzt alles unter Kontrolle und einen Puls von 50 hätte. Aber es sieht nach aussen hin so aus; ich ziehe mir teure Klamotten an und versuche, meinen Bruder nachzuäffen. Ich vergesse meinen Text und überbrücke das indem ich lächelnd ohne Papier frei vortrage; dass dabei hin und wieder etwas vergessen wird merkt wegen meinem Auftreten kein Schwein. Ich baue kleine Witze in die Vorträge ein; studiere sie so gut ein, dass sie absolut spontan wirken. Leute, die mir zuschauen sind zu 100% davon überzeugt, dass ich eine sehr extrovertierte Person mit gesundem Selbstvertrauen und aussergewöhnlich gut entwickelten sozialen Fähigkeiten bin. Jedesmal wenn jemand das zu mir sagt, bin ich total erstaunt. Das Wunderbare daran ist, dass es langsam wahr wird! Es fällt mir immer leichter, meine Meinung zu äussern und an einer Diskussion teilzunehmen. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas wert bin und meine Meinung zählt. Ich mache mir etwas Sorgen deswegen, weil ich mein früheres Verhalten immer mit dem Begriff “Demut“ umschrieben habe um es als positive Eigenschaft abzubuchen. Ich weiss nicht so genau, wo die Grenze zur Arroganz liegt, aber ich bin davon überzeugt, dass ich sie längst überschritten haben muss. Manchmal macht es mir schon Angst, wie ich mich entwickle. Ich wollte nie einer von diesen “Sieger-Typen“ sein, die in teuren Klamotten herumrennen und dauernd grinsen. Ein Verlierer zu sein war “cool“ (wie im Fernsehen), und auch einfacher, dazu reichte es, einfach NICHTS zu tun. Und jetzt bin ich im falschen Film. Mehrere Institute möchten mich gerne anstellen, Studenten sehen zu mir auf („Sie hat’s geschafft!“) und wollen Ratschläge von mir, ich arbeite 7 Tage die Woche und ich habe nicht die geringste Ahnung, wo das mal enden wird! Ich war darauf nicht vorbereitet. Das wird meinem Bruder immer wieder schmerzlich klar. Wenn er nämlich Gäste herumführt, dann grüsse ich diese zwar freundlich, stelle mich aber nicht mit Namen vor. Das sind die Überreste des tief in mir drin verwurzelten Glaubens, absolut unwichtig zu sein. Und sie lassen mich sehr unhöflich erscheinen… Ich muss noch viel lernen wenn es darum geht, mit Menschen umzugehen. Mein ehemaliger Lehrer ist in dieser Hinsicht übrigens auch nicht untätig. Ich kümmere mich darum, dass wir uns alle 2-3 Monate sehen, und von Zeit zu Zeit unterzieht er mich einem “Restaurant-Training“. Von alleine würde ich nie ausgehen oder in einem Restaurant was Essen gehen. Und mein ehemaliger Lehrer zwingt mich mindestens einmal im Jahr, mich dem auszusetzen. Es geht immer besser. Ich habe nämlich wie geplant mein Äusseres angepasst. Ich habe etwas abgenommen, aber der entscheidende Punkt ist nicht das Abnehmen sondern die Kleidung. Vorher bin ich in Jeans, Turnschuhen und viel zu grossen T-Shirts herumgelaufen. Selbst wenn ich nur einkaufen war wurde ich ständig angerempelt und das Verkaufspersonal war unhöflich. Dann habe ich mich einmal so richtig herausgeputzt zum Einkaufen. Und zwar blödsinnig. Schuhe, die ein halbes Monatsgehalt ausmachen, etc. Der Effekt war sehr lehrreich. Durch die Verkleidung fühlte ich mich viel selbstbewusster und sicherer, das spiegelte sich in meinem Auftreten wieder. Ich lächelte, sah den Leuten in die Augen. Das veränderte Auftreten und die Annahme, dass ich aufgrund der teuren Kleidung zu der Sorte von Leuten gehöre, zu denen man besser freundlich ist, hat zu wirklich lächerlichen Reaktionen beim Verkaufspersonal geführt. Diese Leute kannten mich; bedienten mich seit 4 Jahren jedes Wochenende beim Einkauf! Und doch zwang sie diese kleine Veränderung (die ich früher für unwesentlich hielt) schlagartig dazu, sich komplett anders zu verhalten! Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht, Menschen sind leicht zu manipulieren. Um es mal mit Garfield zu sagen: Klar ist es nicht nett, klar werde ich das irgendwann bereuen, aber jetzt möchte ich erst einmal diesen Moment geniessen! Inzwischen fühle ich mich in meiner “Verkleidung“ so wohl, dass es mir unangenehm ist, die Klamotten zu tragen die ich früher gern anhatte. Nun, im Moment sieht es so aus, als hätte ich alles erreicht und würde jetzt auch zu den Gewinnern gehören. Alles eitel Sonnenschein? Nein. Ich bin nicht von Natur aus so, ich musste hart an mir arbeiten. Es ist auch nicht so, dass ich jetzt vergessen hätte, wie es früher war und jene verspotten würde, die noch nicht so weit sind. Sonst würde ich das hier nicht schreiben. Ich möchte allen anderen Betroffen damit Mut machen; es gibt einen Weg, das eigene Leben zu verbessern. Er ist hart und steinig, aber es ist möglich, wenn man ihn Schritt für Schritt angeht! Ich selber bin noch lange nicht über dem Berg. Ich lasse meine Telefonate noch immer von anderen Leuten erledigen (unter allen möglichen Vorwänden), wohne immer noch zu Hause, noch immer kann ich mir nicht vorstellen, wie ich alleine im Ausland überleben sollte oder wie ich in einem Unternehmen irgendeine Funktion ausüben sollte. Aber ich mache Fortschritte, Schritt für Schritt. Ich war mit Kollegen vom Institut ein Wochenende weg von zu Hause. Das erste mal ohne meine Eltern oder eine andere “Aufsichtsperson“. In etwa einem Jahr werde ich vielleicht genug verdienen, um mir eine kleine Wohnung leisten zu können. Und ich habe ja jetzt dieses stetig wachsende soziale Netzwerk, das mir Halt gibt. Es wird trotzdem nicht leicht werden; mir steht eine schwierige Zeit bevor: Der Abschluss meines Studiums, der Auszug zu Hause ("abnabeln"), eventuell sogar der Wegzug in ein anderes Land um eine Dissertation zu schreiben... Manchmal scheint mir jede dieser Hürden unüberwindbar. Aber das hatte ich damals auch von der Matura gedacht. Es ist immer wieder wichtig, sich zu vergegenwärtigen, wie viel man schon erreicht hat!
Vorläufiges Schlusswort
An dieser Stelle möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich diese Seite nicht öfters überarbeitet habe. Einerseits hatte ich keine Zeit dafür, andererseits wusste ich nicht so recht, was ich damit machen sollte. Ich denke, die Angaben im ersten Teil der Seite müssten inzwischen ziemlich veraltet und irrelevant sein. Trotzdem wollte ich nichts ändern oder löschen. Ich habe mich anno 2000 dafür entschieden, der Seite einen persönlicheren Anstrich zu geben und über meine eigenen Erfahrungen zu schreiben. Das hat zu einer wahren Flut von Zuschriften geführt, die bis heute nicht abgerissen ist. Also, jetzt wo es mir viel besser geht wäre es für mich natürlich einfacher, die Seite zu löschen und so zu tun, als hätte ich nie ein Problem gehabt. Aber das will ich nicht. Ich habe nicht vergessen, wie schlecht es mir früher ging, und ich weiss, es gibt da draussen andere Menschen, denen es genauso geht. Mir hat es sehr geholfen zu wissen, dass auch andere Menschen mit solchen Problemen kämpfen, und insbesondere das Beispiel meines ehemaligen Lehrers als eines Menschen, der es geschafft hat, seine Ängste zu überwinden und ein normales Leben zu führen hat mir Mut gemacht. Ich hoffe, dass mein Beispiel auch anderen Menschen Mut machen kann! Ich möchte mich an dieser Stelle auch bei den Menschen entschuldigen, die ich im Text so lieblos als “grosser/kleiner Bruder“, “ehemaliger Lehrer“ und so weiter bezeichnet habe; all diese Menschen haben ein Gesicht und Namen, aber ich wollte ihre Privatsphäre nicht verletzen; viele der Dinge, die gesagt wurden, wurden im Vertrauen gesagt und sollten nicht nach aussen dringen. Ich habe von Anfang an meinen eigenen Namen nirgends auf der Website vermerkt, obwohl ich eigentlich meiner Meinung nach nichts zu verlieren hatte. Inzwischen habe ich mich dafür entschieden, auch meinen Lebenslauf und insbesondere mein Foto von der Website zu entfernen. Ich sehe immer noch gleich aus, und inzwischen habe ich viel zu verlieren. Ich fürchte Konsequenzen, sollte jemand die Website mit mir in Verbindung bringen. Es könnte in dieser auf Perfektion und reibungslosen Ablauf ausgerichteten Welt das Ende meiner Karriere bedeuten. Das wäre bedauerlich, aber es würde nichts an meiner Überzeugung ändern. Und meine Überzeugung ist, dass ich mich nicht zu schämen brauche für etwas, das mir gegen meinen Willen widerfahren ist. Und ihr solltet das auch nicht!
Wer den Wunsch verspürt, mir zu mailen, der darf das selbstverständlich machen ! :-)
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