Regeln in der Gruppe

Im Forum des Netzwerk-Selbsthilfe-Soziale Phobie wurde das
Thema Gruppenregeln mehrfach aufgegriffen und recht kontrovers
diskutiert. Die Meinungen sind so unterschiedlich, wie die
Strukturen und Bedürfnisse der einzelnen Gruppen bzw. die
Wünsche der Menschen in den Gruppen nach einer Unterstützung
durch Regeln unterschiedlich sind.
Im Folgenden möchte ich versuchen, das Für und Wider von Gruppenregeln gegenüberzustellen, ohne mich für Abwägungen und irgendwelche Mittelwege auszusprechen. Es ist jedem überlassen, sich eine eigene Meinung zu bilden zu dem, was sich richtig anfühlt und erscheint im Kontext der eigenen Gruppe. Zunächst kann beim Thema Gruppenregeln unterschieden werden zwischen organisatorischen Regeln (z.B. Uhrzeit des Treffens, Gruppendauer, An- und Abmeldungen usw.), die den äußeren Rahmen regeln, und Gesprächsregeln/ inhaltlichen Regeln, die sich auf das Miteinander während der Gruppensitzung beziehen und Einfluss nehmen auf die Atmosphäre in der Gruppe. Um diese Gesprächsregeln geht es hier nun vor allem.
In der Forums- Diskussion fand sich sowohl der Wunsch nach festen Regelstrukturen als auch das Bedürfnis, mög-lichst wenig fest zu legen bzw. Regeln möglichst nur auf die äußeren Rahmenbedingungen zu begrenzen, damit genügend innerer Raum sich auftut für Spontanes.
- Was spricht generell für oder gegen Gruppenregeln?
Pro: Regeln geben Halt. Dies kann v.a. in der Anfangsphase einer Sozialphobie- Gruppe, aber ebenso im weiteren Verlauf wertvoll sein, wo aufgrund der bestehenden Kontakt- Unsicherheit zumindest etwas Äußeres da ist, woran man sich "festhalten" kann und woran sich alle orientieren können.
Contra: Menschen mit Ängsten leiden häufig auch unter einer inneren Enge, sich wiederholenden Verhaltensmustern und Absicherungsstrukturen. Regeln erzeugen zwar Halt, aber auch gleichzeitig einen inneren mehr oder minder großen Widerstand gegen das einengende Festgelegt- Werden. In jedem Falle können engmaschige Regelwerke die Öffnung zu mehr Spontaneität, Kreativität und auch Eigenverantwortlichkeit behindern.
Ich finde, dies kann man recht gut an der Regel "Es redet immer nur einer" darstellen. Wenn diese Regel einigermaßen konsequent gehandhabt wird, wird dem einzelnen ein abgesicherter Gesprächsraum gegeben, gleichzeitig verhindert die Regel aber spontane lebendige Phasen, wo mehrere Leute durcheinander reden, sich gegenseitig auch mal ins Wort fallen, ihrem Impuls und der eigenen Emotion folgen.
- Wer bestimmt die Gruppenregeln: sollen die Gruppengründer hier langfristig den bestimmenden Einfluss haben?
Pro: Die einmal festgelegten Regeln haben eine Gruppe über Jahre geprägt und geben ihr auch ein Identitätsgefühl. Möglicherweise wurden die Regeln auch im Teilnehmerkreis gemeinsam beschlossen. Sie spiegeln also die Bedürfnisse der Teilnehmer an ein gutes Miteinander wieder. Wenn die einmal aufgestellten Regeln Wesentliches zu einer guten Struktur beigetragen haben, könnte ein Manipulieren an ihnen für Verunsicherung sorgen und zu einer Störung des Gruppenkonsenses und der Kontinuität führen.
Contra: Im Laufe der Zeit sollte die Hauptverantwortung für die Form- und Strukturgebung schrittweise nicht mehr bei dem oder den Gründer/n liegen, sondern auf die Gruppengemeinschaft übergegangen sein, die als Ganzes je nach Erfahrung und Engagement Verantwortung für die Gruppe übernimmt. Dann entwickelt sich entsprechend der Gruppendynamik durchaus auch etwas anderes, als in den ursprünglich festgelegten Regeln und Gründerkonzepten festgeschrieben war. Dieser Prozess ist meist wünschenswert, da sich die Mitglieder ja auch durch die Gruppenarbeit verändern und weiterentwickeln wollen, was sich auch in den äußeren Strukturen niederschlagen können sollte.
Nun ein Diskussionsbeispiel mit einer speziellen Regel:
- Die Regel "Störungen haben Vorrang"
Mit "Störungen" sind (meist belastende) Gedanken, Impulse und Gefühle gemeint, die bei einem einzelnen Gesprächsteilnehmer auftreten während einer Diskussion, durch die dieser aus dem Themenfluss heraus driftet und die ihn zunächst einmal nicht mehr offen sein lassen für das Geschehen in der Gruppe.
Pro: Wird nun diesen individuellen "Störungen" Vorrang vor dem allgemeinen Diskussions- und Themenfluss eingeräumt, hat der Einzelne die Sicherheit, dass seine inneren Themen in der Gruppe da sein dürfen, ganz wichtig genommen werden und dass er eben auch "stören" kann- beinahe sollte, anstatt sich "zusammenzureißen". Alles, was in den Vordergrund drängt, ist von Wert, beachtet zu werden. Es kann dann geschaut werden, was dahinter steht und wie das Gespräch so gestaltet werden kann, dass alle wieder in einem guten Fluss sind. Es wird mit dem gearbeitet in der Gruppe, was gerade da ist, in diesem Sinne gibt es eigentlich gar keine "Störungen".
Contra: Im Sinne der Gruppendynamik ist es besser, hier keine feste Regel aufzustellen, es also rein dem Augenblick und der Momententscheidung der Mitglieder zu überlassen, ob sie weiterhin dem Themenfluss oder aber der geäußerten "Störung" folgen wollen. Wenn Störungen per se Vorrang haben, führt dies dazu, dass sich alle zu sehr auf diese konzentrieren und Störungen dadurch in gewisser Weise sogar bestimmend einwirken auf die Gruppe. Es geht darum, dass der Energiefluss in der Gesprächsrunde nicht jedesmal unterbrochen wird dadurch, dass ein Mitglied z.B. gerade Angst empfindet. Denn dies würde die Aufmerksamkeit und die Gruppenatmosphäre deutlich "problemkonzentriert" und nicht "lösungskonzentriert" ausrichten. Der Angst-Betroffene erlebt ja in sich selbst sehr häufig diese Angst-Attacken und Angst-Anflutungen als Unterbrechung eines Wohlgefühls oder einer Konzentration auf einen äußeren Ablauf. Die Störung fordert Selbstbetrachtung und Angst-Fokussierung. Letztere aber ist eines der tragenden problematischen und leidvollen Muster der Sozialen Phobie. Die Gruppe sollte zumindest sich nicht auch noch darauf vorrangig festlegen, dieses problematische Muster abzubilden.
Wie auch im Forum mag auch hier die Auseinandersetzung mit dem Thema Gruppenregeln ohne den Versuch eines Resümees bewusst offenbleiben.
Dieser Text stammt aus dem Infomedium-Selbsthilfe-Soziale Phobie Ausgabe 1.


