Thema: Selbsthilfegruppe
Selbsthilfe und Selbsthilfegruppenarbeit bei Sozialer Angststörung - drei hilfreiche "Bausteine"

Von Johannes Peter Wolters
Das hier beschriebene, aus drei „Bausteinen“ bestehende Selbsthilfekonzept ist das Ergebnis der Auseinandersetzung mit der eigenen Angst als Betroffener, aus der Arbeit in der Selbsthilfegruppe und aus Diskussionen in Internet-Foren und Netzwerken. Zu diesem Artikel haben demnach viele Betroffene durch Gespräche und Austausch indirekt beigetragen – auf der Suche nach Lösungswegen im Umgang mit der eigenen Angst.
Die meisten Menschen mit einer ausgeprägten Sozialen Phobie empfinden diese als eine hohe Belastung und wünschen sich verständlicherweise vorrangig eine Minderung ihrer Ängste. Viele konzentrieren sich primär darauf, die Situationen in ihrem Leben, die Angst, Kritik, Beschämung oder Abwertung auslösen, entweder zu vermeiden (mit der Folge von sozialem Rückzug) oder sie zu kontrollieren (z.B. durch Überangepaßtheit, starken Leistungsdruck bis zur Überforderung). Dies gelingt einigen zwar mit einer mehr oder minder großen Daueranstrengung, doch viele erschöpfen und isolieren sich hierdurch.
Statt ständig gegen die Angst anzutreten und darin erhebliche eigene Kräfte zu binden, kann ein alternatives, neues Ziel angesteuert werden:
Ein eigenständiger, nicht primär angstfokussierter Regisseur seines Lebens zu sein, sich Aufgaben und Zielen zu widmen, die sinnvoll und auch motivierend erscheinen. Wieder Freude und auch Stolz empfinden wollen, trotz, neben und mit den bestehenden Ängsten.
Es ist klar, dass dies zunächst schwer fallen kann, denn es sind ja genau diese Ängste, die zu Rückzug und Vermeidungsstrategien geführt haben und die alles so schwer und demotivierend erscheinen lassen. Ein Anfang kann möglich sein, sobald der/die Betroffene sich in einem angstarmen Moment wieder Gedanken, Wünsche und Konzepte in Richtung
einer selbstbestimmten Lebensgestaltung „erlaubt“. Bisweilen sind die stille Kapitulation und das Eingeständnis, mit den bisherigen Vermeidungskonzepten gescheitert
zu sein, die Startbasis hierzu.
Im Folgenden möchte ich drei meiner Erfahrung nach hilfreiche „Bausteine“ beschreiben, die Betroffene im Sinne der Selbsthilfe für sich selbst und in der Selbsthilfegruppe gemeinsam mit anderen anwenden können:
Baustein A – Selbstannahme
Selbstannahme bedeutet in diesem Zusammenhang das Bemühen, die eigenen Gefühle – vorrangig Angst, aber auch Wut, Trauer und Schmerz – nicht weiter abzulehnen und zu bekämpfen, sondern sie zu akzeptieren und sich mit ihnen anzunehmen. Dabei geht es auch darum, sich für die eigene Verletzlichkeit zu öffnen.
Auf dem Weg zu dieser Selbstannahme kommt der Betroffene wieder in Kontakt mit Wünschen und Bedürfnissen, die wirklich aus seiner eigenen Tiefe kommen und die sich nicht auf Selbstablehnung, Angstkontrolle/-vermeidung und Rollenperfektionismus aufbauen.
Wenn Betroffene auf die Frage: „Was macht mir Freude?“ weder eine Antwort noch eine Phantasie haben, dann kann dies ein Hinweis auf einen verstellten Zugang zu den eigenen tieferen Gefühlen sein.
Mann-Frau-Verteilung in den Gruppen
Zusammenfassung aus Mailinglisten-Diskussion
Fred, Sopha-Selbsthilfe Dortmund
SHG Paderborn: Unsere Erfahrungen mit unterschiedlichen Gruppengrößen von 5 - 22 TeilnehmerInnen
Befragungen ergaben, dass die durchschnittliche Größe einer Sozialphobie-Selbsthilfegruppe bei etwa 8 TeilnehmerInnen liegt.
Die aufgrund des schnellen Wachstums teilweise noch unvertrauten Gesichter stellten zunächst eine Herausforderung für die Gruppe dar. Es wurde etwas stiller, die Beiträge wurden kürzer und vielleicht auch in ihrer Formulierung weniger persönlich.
Aber nach drei bis vier Wochen hatten wir uns erstaunlich schnell daran gewöhnt, im großen Kreis mit mindestens 17 Menschen an unseren Themen offen zu arbeiten. Eine besondere
Schwierigkeit und auch ein Gegenstand der Diskussion in der Gruppe waren, dass die gewohnte Ausführlichkeit im " Eingangs Blitz" für jeden einzelnen absolut nicht mehr zur Verfügung stand. Es war jedoch auch eine interessante Erfahrung, dass das Bemühen um Kürze und Konzentration aufs Wesentliche im Blitzbeitrag diesen keinesfalls belangloser, sondern ganz im Gegenteil bei den meisten emotionaler, spannender und gehaltvoller werden ließ.
Herzlichkeit in der Selbsthilfe
Zusammenfassung aus Mailinglisten-Diskussion
Regeln in der Gruppe

Im Forum des Netzwerk-Selbsthilfe-Soziale Phobie wurde das
Thema Gruppenregeln mehrfach aufgegriffen und recht kontrovers
diskutiert. Die Meinungen sind so unterschiedlich, wie die
Strukturen und Bedürfnisse der einzelnen Gruppen bzw. die
Wünsche der Menschen in den Gruppen nach einer Unterstützung
durch Regeln unterschiedlich sind.
Thema Körperlichkeit in der Selbsthilfe
Zusammenfassung aus Forendiskussion
Fred, Sopha-Selbsthilfe Dortmund
ist die Eintrittskarte
zum Garten der Gefühle.
(Ernst Ferst)
Pro und Contra reine Sozialphobiegruppe - Angstgruppe

Eine Suche im Internet nach Selbsthilfegruppen (SHGs) zum Thema Soziale Phobie zeigt, dass es viele SHGs allgemein zum Thema "Angst" gibt. Auch Kombinationen wie "Angst und Depressionen" oder sogar Titel wie "psychische Leiden" sind nicht selten.
Weiterlesen: Pro und Contra reine Sozialphobiegruppe - Angstgruppe
Die Gruppenzwiebel und ihre Folgen
Diese Überschrift ist zwar etwas irritierend. (Mir würden dazu auch nur die englischen Worte "union" und "onion" einfallen.) Doch ich meine eher, daß sich auch eine Gruppe aus inneren und äußeren Schalen zusammensetzt.
Schon länger habe ich das in meiner eigenen Gruppe beobachtet. Der Anteil der "Teilzeiter" - Leute, die nicht jede Sitzung besuchen - ist bei den Schüchternen in Braunschweig unverändert hoch. Dazu kommen weitere Mitglieder, die aus verschiedenen Gründen der Gruppe verbunden sind, obwohl sie nicht zu den Treffen kommen:
- weil ihnen der Gesprächskreis nichts mehr bringt
- weil sie beruflich keine Zeit haben, abends zu kommen
- oder weil sie weggezogen sind. Mitglieder, die ich vermisse, leben inzwischen von Augsburg bis Nordnorwegen.
Jede der drei Zwiebelschalen stellt etwa ein Drittel der Gruppenmitglieder.
Das "Wunschzettelverfahren"
Im Winter 2004/05 begann eine Gruppe im intakt e.V., dieses Verfahren zur Selbstmotivation anzuwenden. Angeregt wurde es durch eine Sozialarbeiterin, die mehrere Wochen lang die Gruppe begleitete.
Es funktioniert etwa wie die guten Vorsätze an Silvester, nur wird mehr für die Verwirklichung getan:
Jedes teilnehmende Mitglied füllt eine Karte aus. Ausgangspunkt ist der eigene Wunsch, das Leben zu verbessern; zu ihm denkt man sich konkrete Ziele aus, mit denen er erreicht werden kann. Nun kommt noch ein Zeitpunkt dazu, bis wann man welches Ziel erfüllt haben will.
Die Karten werden eingesammelt, aus ihnen wird eine Tabelle erstellt, kopiert und an alle Teilnehmer verteilt. Nun können alle sehen, wer bis wann was erreicht haben möchte. Sobald ein Datum gekommen ist, das in der Tabelle steht, können alle Teilnehmer überprüfen, ob man seine Vorsätze verwirklicht hat. Wenn ja, erzählt man von seinen Erfahrungen dabei. Wenn nein, kann man in der Gruppe darüber diskutieren, warum es nicht geklappt hat, welche Probleme aufgetaucht sind und wie man diese bewältigen kann.
weitere Texte
Wenn ihr noch mehr Informationen und Impulse zum Thema Selbsthilfegruppenarbeit bei Sozialer Phobie haben möchtet, so gibt es weitere Artikel hierzu in unserer Internetzeitschrift "Infomedium Soziale Phobie" und im Forum.


